Hilfen statt Vertreibung und Kriminalisierung I – Drogen-Streetwork stärken
Antrag Stadtrats-Mitglieder Marie Burneleit, Stefan Jagel, Thomas Lechner und Brigitte Wolf (Die Linke / Die PARTEI Stadtratsfraktion) vom 19.8.2024
Antwort Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek:
Sie beantragen, das Gesundheitsreferat damit zu beauftragen, dem Stadtrat einen Ausbau der Drogen-Streetwork vorzulegen. Die freien Träger sollen in die Überlegungen miteinbezogen werden.
Ihr Einverständnis vorausgesetzt erlaube ich mir, Ihren Antrag vom 19.8.2024 als Brief zu beantworten und teile Ihnen auf diesem Wege Folgendes mit:
Die Landeshauptstadt München hält Streetwork-Angebote für verschiedene Zielgruppen wie wohnungslose Menschen oder Jugendliche vor. Die Angebote werden von Mitarbeiter*innen der Landeshauptstadt München oder von freien Trägern mit Finanzierung durch die LHM durchgeführt.
Streetwork für drogenkonsumierende bzw. -abhängige Menschen ist bei der städtischen Suchtberatung im Gesundheitsreferat und bei Condrobs e.V. angesiedelt. Bei Condrobs e.V. wird eine 0,5 Vollzeitstelle durch die LHM gefördert. Im Gesundheitsreferat waren langjährig zwei Sozialarbeiter*innen vollzeitig eingesetzt, bis 2023 eine weitere Vollzeitstelle zugeschaltet wurde, die im Sommer 2024 besetzt werden konnte. Streetwork des Gesundheitsreferats ist grundsätzlich für das gesamte Stadtgebiet zuständig, während Streetwork von Condrobs e.V. den Schwerpunkt auf den Münchner Osten legt. Dabei stimmen das Gesundheitsreferat und Condrobs e.V. ihre Außendienste aufeinander ab.
Die Streetwork nimmt Kontakt zu drogenabhängigen Menschen auf, unterstützen bei akuten Problemlagen und vermitteln in spezielle Fach- und Behandlungseinrichtungen. Sie helfen nicht nur bei Suchtproblemen, sondern auch in vielfältigen anderen Notlagen wie dem drohenden Verlust der Wohnung, Behördenangelegenheiten oder einer fehlenden Krankenversicherung.
Ein großer Teil der drogenabhängigen Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, befinden sich in schwerwiegenden gesundheitlichen und sozialen Problemlagen. Gleichzeitig stehen viele von ihnen Hilfsangeboten misstrauisch gegenüber oder empfinden Scham für ihre Lebenssitua-tion, was sie davon abhält, Einrichtungen der Suchthilfe zu nutzen. Diese Menschen werden durch Streetwork erreicht. Durch eine Haltung, die den Drogenkonsum und seine Auswirkungen als Teil der Lebensrealität suchtkranker Menschen akzeptiert und nur minimale Bedingungen für die Inanspruchnahme von Hilfe stellt, schafft Streetwork Vertrauen, das die Grundlage für Beratung und Hilfe darstellt. Das regelmäßige und verlässliche Aufsuchen der Menschen an den Orten, an denen sie ihren Alltag verbringen, ist dabei von wesentlicher Bedeutung.
Die baulichen Veränderungen im Bereich um den Hauptbahnhof und die polizeilichen und ordnungsrechtlichen Maßnahmen im Alten Botanischen Garten und im Nußbaumpark haben Auswirkungen auf die Arbeit der Streetwork*innen. Die drogenabhängigen Klient*innen wechseln häufiger ihre Treffpunkte innerhalb des Stadtgebiets, wodurch sich der Zeitaufwand, den die Streetwork für das Aufsuchen der verschiedenen Treffpunkte von drogenabhängigen Menschen aufbringen muss, deutlich erhöht.
Trotz der erschwerten Bedingungen gelingt es den Streetworker*innen bei den Außendiensten sehr gut, Kontakt zu den drogenabhängigen Personen zu knüpfen und Beratungsprozesse anzustoßen.
Seit Sommer 2024 nutzen die Streetworker*innen ein E-Lastenrad. Dies erleichtert die Arbeit der Streetworker*innen und ermöglicht ihnen, durch kürzere Wegzeiten mehr Orte aufzusuchen. Weiterhin können mit dem Lastenrad neben den Informations- und Safer-use-Materialien auch Wasser, Kaffee oder Tee für die Kontaktaufnahme transportiert werden.
Neben den Außendiensten im gesamten Stadtgebiet bietet Streetwork offene Sprechstunden in den Räumen der Suchtberatung des Gesundheitsreferats in der Paul-Heyse-Straße 20 an. Diese Beratungsmöglichkeit bei den ihnen bereits bekannten Streetworker*innen wird von den Klient*innen ebenfalls sehr gut angenommen. In den Sprechstunden können umfangreichere Beratungen und Klärung von Behördenangelegenheiten durchgeführt werden. Dieser Anteil der Streetworkarbeit ist von zentraler Bedeutung, weil er wesentlich zu einer Stabilisierung der Klient*innen beiträgt, die wiederum Voraussetzung dafür ist, dass sich deren Aufenthalt im öffentlichen Raum verringern kann.
Neben den langjährig bekannten Treffpunkten im Innenstadtgebiet haben sich in den letzten Jahren weitere Treffpunkte in anderen Stadtbezirken entwickelt. Dazu gehören beispielsweise Ober- und Untergiesing, Maxvorstadt, Schwanthalerhöhe und Westend, aber auch kleinere und instabilereTreffs an anderen Orten. Wie beschrieben ist zu erwarten, dass die Aufenthalte sich immer wieder verändern und auch aufteilen, insbesondere wenn sicherheitsrechtliche Maßnahmen eingesetzt werden müssen. Dies bedingt, dass der Einsatz von Streetwork aufwändig bleibt.
Ein Ausbau von Streetwork für Drogenabhängige ist auch aus Sicht des Gesundheitsreferats erforderlich, um drogenabhängige Menschen im gesamten Stadtgebiet erreichen zu können. Bei einer Ausweitung der Stellen könnte sowohl die Frequenz der Außendienste und die Zahl der aufgesuchten Plätze erhöht als auch die Einzelberatung intensiviert werden. Dabei würde sich das Gesundheitsreferat verstärkt um die Gewinnung einer Streetworkerin bemühen, um eine spezifischere Ansprache von konsumierenden Frauen im öffentlichen Raum zu ermöglichen. Aktuell sind alle drei Stellen mit männlichen Mitarbeitern besetzt, und bei der letzten Ausschreibung einer Streetworkstelle lag keine Bewerbung einer entsprechend qualifizierten weiblichen Fachkraft vor.
Aufgrund der dargestellten Notwendigkeit wird das Gesundheitsreferat im Jahr 2025 eine Ausweitung der Streetwork für drogenkonsumierende Menschen aus Mitteln des bundesweiten Paktes für den Öffentlichen Gesundheitsdienst realisieren.
Um Kenntnisnahme der vorstehenden Ausführungen wird gebeten. Ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit damit abgeschlossen ist.