Angemessene Präsentation der historischen Ausgrabungen aus Pasing und Freiham für die Bevölkerung
Antrag Stadtrats-Mitglieder Christian Müller und Dr. Constanze Söllner-Schaar (SPD-Fraktion) vom 9.9.2016
Antwort Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers:
Das Kulturreferat hat bereits – der Intention Ihres Antrages entsprechend – in Verhandlungen mit den beteiligten Partnern erreicht, dass eine Kooperationsvereinbarung mit der Archäologischen Staatssammlung, dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Abt. Bodendenkmalpflege sowie dem Institut für Vor- und Frühgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität (Professur für Frühgeschichte) abgeschlossen werden konnte.
Ihr Einverständnis vorausgesetzt, teile ich Ihnen zu Ihrem Antrag vom 9.9.2016 daher Folgendes mit:
Angesprochen sind die Funde aus zwei Ausgrabungen in Pasing 2016 (Josef-Retzer-Straße; M-2016-354-2) und 2010 (M-2010-258-4) und aus den Ausgrabungen im Baugebiet Freiham-Nord Bauabschnitt 2 Los 1 (M-2013-2106-2). Grundlage aller Arbeiten sind die entsprechenden Erlaubnisbescheide der Unteren Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt München. Das Eigentum an den Funden regelt sich nach § 984 BGB.
Unter den gegebenen rechtlichen und konzeptionellen Bedingungen sind die im Antrag formulierten Aspekte einer kurzfristigen und grabungsnahen Präsentation aktueller Grabungsergebnisse sowie die dauerhafte Präsentation aller bedeutenden Funde aus einer oder mehreren Grabungen derzeit noch nicht zu realisieren. Das Kulturreferat, das selbst keine fachlichen Einrichtungen für den wissenschaftlichen und den restauratorischen Umgang mit diesen Funden unterhält, folgt hierin einer Einschätzung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Mit Bezug auf die einzelnen Maßnahmen stellt das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege fest:
1. Freiham-Nord Bauabschnitt 2 Los 1 (M-2013-2106-2)
Die Anfrage zielt auf ein 20 Körpergräber umfassendes spätrömisches Gräberfeld (3./4. Jh. n. Chr.), das im Bereich der Erschließungsstraßen angetroffen und ausgegraben wurde. Im selben Bauabschnitt wurden darüber hinaus Siedlungen der Bronze- und Eisenzeit in großen Teilen ausgegraben und mit den zugehörigen Funden dokumentiert. Die Grabungen im Trassenbereich fanden wie in allen anderen Losen des Baugebietes im Auftrag des Kommunalreferats der Stadt München statt. Das Fundmaterialbefindet sich im unrestaurierten Zustand derzeit in den Werkstätten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Das Skelettmaterial befindet sich in der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie und wird dort dauerhaft archiviert. Die Stadt München ist in diesem Fall zu 100% Eigentümer des Fundmaterials.
Daraus ergibt sich, dass die Restaurierung, die wissenschaftliche Bearbeitung und die anschließende Präsentation dieser Funde grundsätzlich im Rahmen des Projektes erfolgen könnte, das unter dem Namen „Archäologie in München“ vom Kulturreferat gefördert wird. Da eine städtische Institution hierfür nicht existiert, geschieht dies unter der Federführung der Archäologischen Staatssammlung München und weiterer nichtstädtischer Vertragspartner wie das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und die Ludwig-Maximilians-Universität München. Derzeit werden die Ausgrabungen in Freiham Nord in den Bauparzellen im Auftrag einzelner Bauträger fortgesetzt. Die Funde aus diesen Bereichen stehen damit nicht im Eigentum der Stadt München (s. u. 3.).
2. Pasing Planegger Straße (M-2010-258-4)
Die Anfrage bezieht sich auf 28 frühmittelalterliche Bestattungen der jüngeren und späten Merowingerzeit (7./8. Jh. n. Chr.), die Teil eines bislang nicht ausgegrabenen, größeren Gräberfeldes sind. Zu den Ausgrabungsergebnissen zählen darüber hinaus Siedlungsbefunde der frühen Neuzeit (17./18. Jh.). Die Ausgrabungen wurden im Auftrag der SWM im Rahmen der Fernwärmeversorgung durchgeführt. Das Fundmaterial befindet sich im unrestaurierten Zustand derzeit in den Werkstätten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Das Skelettmaterial befindet sich in der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie und wird dort dauerhaft archiviert. Das Eigentum an den Funden liegt damit bei den SWM bzw. der Stadt München.
Für die Restaurierung, die wissenschaftliche Bearbeitung und die Präsentation der Funde ergeben sich dieselben Optionen wie bei Punkt 1.
3. Pasing Josef-Retzer-Straße (M-2016-354-2)
Die Anfrage bezieht sich auf ca. 120 frühmittelalterliche Bestattungen der Merowingerzeit (6./7. Jh. n. Chr.), die Teil eines bislang nicht ausgegrabenen, größeren Gräberfeldes sind. Die Ausgrabungen wurden im Auftrag der Heimstättenbaugenossenschaft Pasing eG durchgeführt. Das Fundmaterial befindet sich im unrestaurierten Zustand derzeit in den Werkstätten einer freiberuflich und im Auftrag des Bauherrn tätigen Restaurierungswerkstatt. Grabungsbericht, Funde und Dokumentation der Grabungen lie-gen dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege bislang nicht vor. Die Auflagen der zu Grunde liegenden denkmalrechtlichen Erlaubnis der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt München sind damit bislang nicht abschließend erfüllt. Das Eigentum liegt zu 100% beim Bauherrn.
Daraus ergibt sich, dass die Restaurierung, die wissenschaftliche Bearbeitung und die Präsentation der Funde bis auf weiteres nicht im Rahmen des angesprochenen Gemeinschaftsprojektes erfolgen kann.
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege erklärt sich bereit, nach Eingang, Erfassung und konservatorischer Erstversorgung des Fundmaterials mit Vorschlägen zum weiteren Verbleib an den Eigentümer heranzutreten. Gegebenenfalls können dabei die Vorstellungen der Stadt München berücksichtigt werden.
Um dem im Antrag formulierten Interesse nach einer zeitnahen Öffentlichkeit der Grabungsfunde dennoch nachzukommen, verfolgt das Kulturreferat die folgenden Ziele:
Die im genannten Projekt bereits hergestellte Internetpräsenz soll ausgebaut und in ihrer allgemeinen Zugänglichkeit vereinfacht werden. Im Sinne eines „virtuellen Schaufensters“ soll zeitnah über Grabungen und Funde in der Stadt München berichtet werden. Dieser Internetauftritt soll in 2017 online gehen. Das Vorgehen ist mit den federführenden und inhaltlich befassten Vertragspartnern abzustimmen.
Um dem wissenschaftlichen Auftrag gerecht zu werden, wurden die Fundkomplexe bislang durch die LMU im Rahmen von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten zur Bearbeitung vergeben, woran teilweise allerdings lange Bearbeitungszeiten geknüpft sind. Um zugleich dem tagespolitischen und medialen Interesse gerecht zu werden, soll diese Praxis zu Gunsten der Vergaben von Bearbeitungsthemen auf dem freien Markt auf Basis von Ausschreibung und Angebot geändert oder erweitert werden. Das Vorgehen ist mit den federführenden und inhaltlich befassten Vertragspartnern abzustimmen.
Des Weiteren ist an modulare Ausstellungssysteme gedacht, mit welchen zeitnah Ergebnisse und Funde vor Ort für einen gewissen Zeitraum präsentiert werden können. Aufgabe des Projektes ist es jedoch nicht, die Infrastruktur geeigneter Präsentationsorte – wie im Fall von Ausstellungsräumen im Pasinger Rathaus – zu schaffen. Das Münchner Stadtmuseum, in dem es selbst keine archäologische Sammlung gibt, kann wechselndePräsentationsflächen zur Verfügung stellen, gleichwohl ist es hierfür auf die Zulieferung sowohl des restaurierten Materials als auch des wissenschaftlichen Ertrags angewiesen. Mit Blick auf den in der Vorplanung befindlichen Umbau des Münchner Stadtmuseums ist darauf hinzuweisen, dass entsprechend dem Sachstand das Haus Anfang 2019 mit der Räumung zu beginnen hat. In der Neukonzeption ist ein „Forum“ genanntes Areal vorgesehen, das sich nicht zuletzt für die wechselnde Präsentation auch stadtarchäologischer Themen eignet.
Ich bitte Sie, von den vorstehenden Ausführungen Kenntnis zu nehmen und hoffe, dass Ihr Antrag zufriedenstellend beantwortet ist und als erledigt gelten darf.