Die Landeshauptstadt München vergibt jährlich vier Arbeitsstipendien im Bereich Bildende Kunst. In seiner gestrigen Sitzung hat der Kulturausschuss des Stadtrats beschlossen, sie an Beowulf Tomek, Janina Totzauer, Gülbin Ünlü und Paul Valentin auszureichen. Dotiert sind die Stipendien mit jeweils 6.000 Euro. Außerdem wird der Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis an Boris Saccone verliehen, der mit 3.000 Euro verbunden ist.
Aus den Jurybegründungen:
Beowulf Tomek
„In seinem Projekt ,Plantage Dachau´ (AT) befasst sich Beowulf Tomek (*1988) in einer künstlerischen Recherche mit einem Außenlager des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Die sogenannte ,Plantage Dachau´, die nordöstlich der heutigen KZ-Gedenkstätte liegt, war ein bis zu 148 ha großes Gelände und zählte zu den ,Versuchsgütern´ der Waffen-SS. Ziel ist die Entwicklung einer digitalen Landkarte des Areals, durch die User*innen navigieren und sich so verschiedene Erinnerungsschichten und Erzählebenen erschließen können. Dazu sollen verschiedene Perspektiven und Dokumente eingebunden werden. Beowulf Tomek erweitert in diesem Projekt seine künstlerische Methodik, die sich bereits in früheren Projekten durch die Zusammenarbeit mit Personen und Gruppen anderer Disziplinen ausgezeichnet hat. (...)“
Janina Totzauer
„In ihrem Projekt ,Fairytales of the past for an unknown future´ wird die Münchner Künstlerin Janina Totzauer einen Video-Walk in Form eines inszenierten Computerspiels entwickeln, das einen interkulturellen Diskurs anregt. Dabei ist es ihr ein Anliegen, unbekannte Erzählungen ihrer Wahlheimat Mosambik mit Erzählungen aus dem bayerischen Alpenraum zu verstricken und daraus eine futuristische Fantasiewelt zu kreieren. Nicht nur die eurozentrische Sicht vieler Märchen will sie dabei aufbrechen, sondern eine audivisuell hyperrealistische Alternativwelt schaffen, die sich an das Prinzip der überbordenden Ästhetik von Computerspielen bezieht. (...)“
Gülbin Ünlü
„Im Rahmen ihres Projektes ,The Future is now and it‘s freakin‘ me out´ setzt sich die Künstlerin Gülbin Ünlü mit künstlerischen Mitteln damit auseinander, wie sich unsere Vorstellungen von ,Gegenwart´ durch die Prinzipien des Samplings und der Collage be- und hinterfragen lassen. (…) Der künstlerische Prozess wird das Private und Politische sowie das Biologische und Kulturelle gleichermaßen integrieren und so die Grenzen zwischen Digitalem/Analogem und Privatem/Öffentlichem verschwimmen lassen. Dabei werden sich die Medien Malerei, Video und Musik verschränken und ineinandergreifen. Die entstehenden Bilder kollidieren mit akustischen Mash-Ups aus recherchierten Sound-Samples und performativen Videoclips mithilfe der Greenscreen-Technik. (...)“
Paul Valentin
„Mit einer beeindruckenden künstlerischen Entwicklung und Praxis wurde Paul Valentin in den letzten Jahren in verschiedenen Kontexten mit ambitionierten Projekten sichtbar. (...)
In seinem Projekt ,Strange Glasses´ steht das Thema des individuellen Erlebens globaler Entwicklungen und Geschehnisse zentral. Dabei wird die Arbeit im Kontext von Kunst im öffentlichen Raum gedacht. Wie in seinen früheren Arbeiten verbindet Valentin Fiktion mit Realität, das Analoge mit dem Digitalen und das Historische mit dem Aktuellen. Es geht dabei um die Multiperspektivität auf eine gemeinsame Realität, nicht um den Glauben an verschiedene oder ,alternative´ Realitäten, wie es aktuell von Querdenker*innen und schon länger von Klimaleugner*innen und Reichsbürger*innen verbreitet wird.“
Boris Saccone
„Boris Saccone (geboren 1991) überzeugt (…) mit seinem bereits stark ausgeprägten, eigenwilligen künstlerischen Stil. Spielerisch und gleichermaßen ernsthaft sind seine expressiven, mit kräftigem Pinselstrich gearbeiteten malerischen Werke zu gleichen Teilen geprägt von einem starken Interesse an der formalen Entwicklung der Malerei wie auch der Vermittlung inhaltlicher Darstellungen. (…) Die bereits beginnende öffentliche Rezeption seiner künstlerischen Arbeiten in Ausstellungen etwa in München oder Leipzig, ebenso wie die deutliche Würdigung von Gregor Hildebrandt in der Empfehlung, als aktives und engagiertes Mitglied der Klassengemeinschaft, ergänzen den positiven Eindruck zu Boris Saccones bisherigem Schaffen.“