„Da geh ich nicht mehr hin“ – Wie können die Kammerspiele zurück zum Erfolg geführt werden?
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Professor Dr. Jörg Hoffmann, Gabriele Neff, Richard Progl und Fritz Roth (FDP BAYERNPARTEI Stadtratsfraktion) vom 19.4.2023
Antwort Kulturreferent Anton Biebl:
Vor dem Hintergrund Ihrer Anfrage vom 19.4.2023 möchte ich zu allen Punkten Stellung beziehen. Sie beschreiben, dass die Münchner Kammerspiele in einer tiefen Krise stecken würden; bedingt durch den „woken“ programmatischen Kurs, der am Publikum vorbei ginge. Im Leitartikel von Christine Dössel vom 8.4.2023 in der Süddeutschen Zeitung („Da gehe ich nicht mehr hin“) wird ebenfalls der Vorwurf erhoben, dass an den Kammerspielen „zu wenig Kunst“ produziert wird und sich dieser Umstand in mangelnden Zuschauerzahlen widerspiegelt.
Zu Ihrer Anfrage vom 19.4.2023 teile ich Ihnen Folgendes mit:
Frage 1:
Presseberichten ist zu entnehmen, die Intendantin setze „auf den Faktor Zeit“ – wie viel Zeit veranschlagt sie, bis Verbesserungen eintreten sollen? Welche konkreten Auslastungsziele gibt es für die Kammerspiele bis zur Spielzeit 2024/25?
Antwort:
Keineswegs setzt die Intendantin „auf den Faktor Zeit“, viel mehr gehen sie und ihr Team die Herausforderungen aktiv an. Ziel ist, den Ansatz aus künstlerischem Anspruch und gesellschaftspolitischem Engagement weiter fortzuführen und dabei die Auslastungszahlen deutlich zu verbessern. Die Marke von 64% (präpandemische Verhältnisse) kann dabei Orientierung sein, ist aber als langfristiges Ziel nicht zufrieden stellend und entspricht nicht dem Anspruch der Theaterleitung. (s. Antwort auf Frage 2).
Frage 2:
Welche Schritte werden unternommen, um diese Ziele zu erreichen?
Antwort:
Um die vorgenommenen Ziele erreichen zu können, wurden zahlreiche Maßnahmen ergriffen. Vor allem steht ein reger sowie regelmäßiger Austausch mit dem Publikum im Vordergrund. Hierfür sollen unter anderem die Stadtgespräche dienen, die zahlreichen Münchner*innen eine Stimmeund eine Möglichkeit für das gemeinsame In-Dialog-treten mit dem Haus bieten sollen. Erfolgreich wurde der Tag der offenen Tür mit ca. 2.000 Besucher*innen durchgeführt. Die Theaterleitung ist intensiv dabei die Kommunikation zu überarbeiten, was sich in der positiven Berichterstattung in der Presse über die kommende Spielzeit niedergeschlagen hat. Der Habibi Kiosk in der Maximilianstraße spielt endlich auch eine erfolgreiche Rolle als Türöffner in die Kammerspiele. Darüber hinaus wird dem periodischen Spielen erfolgreicher Abende wie „Jeeps“, „Die Vaterlosen“, „Effingers“, „Green Corridors“ ein äußerst hoher Wert beigemessen. Hinsichtlich des Spielplans wird außerdem darauf geachtet, dass mit zahlreichen diversen Stücken ein breites Publikum angesprochen wird.
Die Münchner Kammerspiele haben selbstverständlich anschlussfähige Titel mit entsprechendem Schauspielertheater im Programm und werden auch zukünftig darauf achten. („A scheene Leich“, „Die Vaterlosen“, sowie in der Spielzeit 23/24: „Liebe“, „Der Sturm“, „Im Menschen muss alles herrlich sein“). Viele große Ensemblestücke bleiben im Repertoire („Effingers“, „Eure Paläste sind leer“), wir setzen die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Nora Abdel-Maksoud, Jan Bosse und Jette Steckel fort. Uraufführungen wie „Green Corridors“ können große lokale und internationale Aufmerksamkeit erlangen.
Frage 3:
Es gibt durchaus Positivbeispiele von Veranstaltungen, an denen das Thea- ter ausverkauft ist. Diese Abende „retten“ zuverlässig die Bilanz vor noch weiterem Abrutschen. Anscheinend werden sie aber nur widerstrebend und in Ausnahmefällen ins Programm aufgenommen. Warum gibt es nicht mehr dieser „Publikumsmagneten“, die experimentellere Programmpunkte tragen könnten?
Antwort:
Die Münchner Kammerspiele legen einen besonderen Wert auf gesamtgesellschaftliche Repräsentation und auf die Abbildung der vielfältigen (Stadt) Gesellschaft. Unter anderem übernehmen sie mit ihrer konsequenten Ensemblekultur (Ensemble der Diversität) eine Vorreiterrolle. Somit ermöglichen sie Bürger*innen mit Behinderung nicht nur den Zugang zum Theater, sondern leben mit einem diversen Ensemble auch Inklusion. Daran anknüpfend ist mit einer Auslastung von 94% die Inszenierung „Antigone“ in leichter Sprache ein genau solcher „Publikumsmagnet“. Ähnlich ergeht es auch den Stücken „A scheene Leich“ und „Die Vaterlosen“ sowie der Uraufführung „Green Corridors“. Diese Stücke demonstrieren das öffent-liche Interesse an einem vielseitigen und abwechslungsreichen Spielplan und werden häufig angesetzt.
Frage 4:
Der Vertrag der Intendantin wurde bereits im letzten Jahr vorab verlängert bis 2028. „Von solchen Vertragslaufzeiten können Schauspielerinnen und Schauspieler jedenfalls nur träumen“, konstatiert die Süddeutsche Zeitung. Was sind die Gründe für diese außerordentliche Vertragsverlängerung trotz anhaltender Erfolgslosigkeit?
Antwort:
Barbara Mundel ist vertragliche Verlässlichkeit auch für Ensemblemitglieder wichtig. Aus diesem Grund haben die Schauspieler*innen an den Kammerspielen Verträge mit einer Laufzeit von drei Jahren. In der Dramaturgie sind es fünf – im Gegensatz zu den anderen Häusern sehr unüblich. In der Regel sind Laufzeiten von NV-Bühne Verträgen zwei Jahre. Der Vertragsverlängerung von Barbara Mundel wurde im Stadtrat mit guten Begründungen einstimmig zugestimmt. Man wollte der Intendantin die Gelegenheit geben, um durch Corona verlorene Jahre zurück zu gewinnen.
Die Anlagen zu dieser Antwort können abgerufen unter:
https://risi.muenchen.de/risi/antrag/detail/7707867