Schule 2.0 – Wie stehen Münchner Lehrkräfte zu digitalen Lernmitteln?
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Professor Dr. Jörg Hoffmann, Gabriele Neff, Richard Progl und Fritz Roth (FDP BAYERNPARTEI Stadtratsfraktion) vom 19.11.2021
AntwortStadtschulrat Florian Kraus:
Auf Ihre Anfrage vom 19.11.2021 nehme ich Bezug.
Sie haben Ihrer Anfrage folgenden Text vorausgeschickt:
„Seit mehr als 20 Jahren bieten die großen deutschen Schulbuchverlage Lernmittel in digitaler Form an, von Lernsoftware über automatisierte Tests und Augmented-Reality-Anwendungen bis zu Apps für bestimmte Themen- blöcke. Der Anteil digitaler Ausgaben am Gesamtumsatz mit Schulbüchern liegt jedoch bundesweit immer noch im niedrigen einstelligen Bereich. Bildungsexperten und Schüler scheinen bei dem Thema wesentlich aufgeschlossener zu sein als Lehrer, die jedoch in ihren Fachkonferenzen über die Anschaffung von Lernmitteln entscheiden. Die Wahl fällt meistens auf herkömmliche, schwere gedruckte Schulbücher statt auf modernere Medien mit digital aufbereiteten Inhalten. Dabei hätten digitale Lösungen zusätzlich zu den erweiterten Funktionen den großen Vorteil, dass sie nicht hin und her geschleppt werden müssen.“
Zu den von Ihnen gestellten Fragen kann ich Ihnen Folgendes mitteilen:
Frage 1:
Wie und in welchem Umfang werden digitale Lernmittel an Münchner Schulen eingesetzt? Ist es tatsächlich so, dass immer noch überwiegend Schulbücher in gedruckter Form verwendet und auch neu bestellt werden?
Antwort:
Unter dem Begriff „digitale Lernmittel“ werden in diesem Antwortschreiben digitale Schulbücher, Arbeitshefte, Arbeitsblätter sowie audiovisuelle Medien wie Videoclips, interaktive Übungen etc. verstanden. Es wird darauf hingewiesen, dass als Voraussetzung für den Einsatz von Medien die unterrichtliche Eignung und unmittelbare Unterstützung des lehrplanmäßigen Unterrichts gewährleistet werden muss. Die pädagogische Verantwortung für den Einsatz digitaler Lernmittel obliegt der Lehrkraft (Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus (StMUK) über die Medienbildung, Medienerziehung und informationstechnische Bildung in der Schule vom 24. Oktober 2021; KWMBI. S.357 Abs. 4). Für die Zulassung digitaler Lernmittel im Schulkontext und deren Qualitätskontrolle ist grundsätzlich das StMUK und somit der Freistaat zuständig.
An Münchner Schulen werden digitale Lernmittel anlass- oder themenbezogen von Lehrkräften eingesetzt und genutzt. Die Häufigkeit und die Art des Einsatzes ist dabei von der individuellen Unterrichtgestaltung der Lehrkräfte abhängig. Geeignete Bildungsmedien für den Unterricht stehen allen Münchner Lehrkräften im Rahmen von „Mebis“ (Landesmedienzetrum des Freistaat Bayerns) und dem „Medienservice“ des Pädagogischen Instituts – Zentrum für Kommunales Bildungsmanagement (PI-ZKB, kommunales Medienzentrum der Landeshauptstadt München) zur Verfügung. Aktuelle Zugriffszahlen des PI-ZKB bestätigen eine rege Nutzung des vorhandenen Medienbestands über alle Schularten hinweg.
Darüber hinaus werden an den Münchner Schulen derzeit die technischen Voraussetzungen (flächendeckendes WLAN, Präsentationsmöglichkeit i.d.R. Interaktives Whiteboard, mobile Endgeräte etc.) dafür geschaffen, dass digitale Lernmittel jederzeit und ortsunabhängig in flexiblen und kollaborativen Lernsettings eingesetzt werden können. Aktuelle Beispiele für digital arbeitende Schulen sind die Städtische Anne-Frank-Realschule und die Städtische Erich Kästner-Realschule. Beide Schulen verfügen über eine Vollausstattung mit Endgeräten und fest installiertes WLAN. Mit verschiedenen Medien können die schülergebundenen Lizenzen für digitale Schulbücher genutzt werden. Das Referat für Bildung und Sport verfolgt mit dem Einsatz digitaler Lernmittel neben pragmatischen (weniger Bücher müssen von den Kindern und Jugenslichen hin-und hergetragen werden) und nachhaltigen Zielen jedoch vor allem auch pädagogisch-didaktische Zielsetzungen. So sind digitale Lernmittel durch audiovisuelle Darstellungsmöglichkeiten häufig anschaulicher, sie sind meist aktueller und ermöglichen durch Interaktivität individualisiertes und schülerorientiertes Lernen. Diese Erwartungshaltung erfordert neben qualitätsvollen digitalen Lernmedien auch die entsprechenden Kompetenzen des Lehrpersonals für den pädagogischen Einsatz. Das Pädagogische Institut – Zentrum für Kommunales Bildungsmanagement (PI-ZKB) bietet aus diesem Grund eine Fülle an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für städtische und staatliche Lehr- und Erziehungskräfte an.
Frage 2:
In welchen Schularten, Jahrgangsstufen und welchen Fächern werden eher modernere Lehr- und Lernmethoden eingesetzt, in welchen eher traditionelle?
Antwort:
Grundsätzlich haben sich alle Münchner Schulen spätestens seit Beginn der Pandemie auf den Weg gemacht, digitale Werkzeuge und Lernmittel für den Unterricht zu nutzen. Es herrscht allgemeine Offenheit gegenüber digitalen Lernangeboten und Lernmitteln und das Referat für Bildung und Sport ist bemüht einen einheitlichen, hohen Standard in der medienpädagogischen Qualifizierung des Lehrpersonals und der digitalen Ausstattung der Schulen unterschiedlicher Schularten zu erlangen.
Alle Schulen haben im Kontext der Förderrichtlinie „digitale Bildungsinfrastruktur an bayerischen Schulen (dBIR)“ des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus ein schuleigenes Medienkonzept entwickelt, welches als Grundlage für eine systematische Medienkompetenzförderung dient. Darin enthalten sind schulspezifische Ziele, Maßnahmen, erforderliche Kompetenzen auf Seiten der Lehrkräfte und der abgeleitete Ausstattungsbedarf. Da der Einsatz digitaler Medien stark von der Unterrichtspraxis der individuellen Lehrkräfte abhängt, sind Fort- und Weiterbildungsangebote, die die breite Lehrer*innenschaft erreichen und wie sie durch das PI-ZKB konzipiert werden, ein entscheidender Faktor.
Der LehrplanPLUS definiert „Medienbildung/Digitale Bildung“ als schulart- und fächerübergreifendes Bildungs- und Erziehungsziel. Entsprechend strebt die Landeshauptstadt München eine selbstverständliche Nutzung digitaler Lernmittel sowie eine kritische Auseinandersetzung mit digitalen Medien als Querschnittsaufgabe über alle Fächer, Schularten und Jahrgangsstufen hinweg an.
Frage 3:
Wie sehen die Planungen zum Einsatz digitaler Lernmittel in den kommenden Jahren aus?
Antwort:
Perspektivisch sollen digitale Lernmittel die Papierform ablösen wo es möglich und pädagogisch sinnvoll ist. Hierzu sind seitens der Landeshauptstadt München die erforderlichen technischen Voraussetzungen zu stellen, welche aktuell flächendeckend (siehe Antwort Frage 1) ausgebaut werden. Darüber hinaus sind die medienpädagogischen Kompetenzen des pädagogischen Personals weiter auszubauen. Es ist davon auszugehen, dass die Papierform an Grund- und Förderschulen auch längerfristig Bestand haben wird, etwa um motorische Fertigkeiten beim Erlernen einer Handschrift zufördern. Digitale Schulbücher und Bildungsmedien sollen hier in jedem Fall ergänzend Einzug in den Unterricht finden.
Erforderlich sind auch geeignete Lizenzmodelle und Lizenzverwaltungssysteme für zahlungspflichtige, digitale Lernmittel (z.B. Digitale Schulbücher), um den Verwaltungsaufwand für die Schulen möglichst gering zu halten. In diesem Zusammenhang sei auch auf die nötigen rechtlichen Rahmenbedingungen zur Nutzung erweiterter Funktionen digitaler Lernmittel, wie z.B. die Lernstandsdatenspeicherung, hingewiesen. Das Referat für Bildung und Sport verfolgt diesbezüglich unter anderem staatliche Entwicklungen und Projekte, wie die Plattform „BayernCloud Schule (ByCS)“ des Freistaats.
Frage 4:
Welche Erkenntnisse gibt es zur Akzeptanz digitaler Lernmittel bzw. zum Wunsch nach deren Einsatz unter a) Lehrkräften b) Schülern unterschiedlicher Altersstufen c) Eltern?
Antwort:
Zur Akzeptanz digitaler Lernmittel liegt dem Referat für Bildung und Sport keine systematische und nach unterschiedlichen Personengruppen differenzierte Umfrage zur Situation an den Münchner Schulen vor. Eine im November 2022 veröffentlichte Studie der Vodafone Stiftung1 zeigt jedoch auf, dass deutsche Lehrkräfte im europäischen Vergleich eher zurückhaltend beim Einsatz digitaler Technologien im Unterricht sind. Nur 15% der befragten Lehrkräfte aus Deutschland sind davon überzeugt, dass durch den Einsatz digitaler Technologien Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf etwa durch adaptives Lernen und Binnendifferenzierung besser unterstützt werden können. Mehr als die Hälfte der befragten Lehrkräfte aus Deutschland (55%) teilen die Bedenken, dass durch den Einzug digitaler Technologien sozioökonomische Ungleichheiten verstärkt werden. Das Referat für Bildung und Sport setzt sich Bildungsgerechtigkeit als oberste Zielsetzung und betrachtet die medienpädagogische Qualifizierung der Lehrkräfte als Schlüsselfaktor für eine gelingende digitale Transformation im Bildungswesen. In den Dialogen über Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Bildung muss die gesamte Schulfamilie involviert werden.
Im Jahr 2023 stellt das PI-ZKB wieder zahlreiche medienpädagogische Fortbildungsangebote für Lehr- und Erziehungskräfte auf (z.B. zur aktiven Medienarbeit, zur Prävention von Cybermobbing, zum Thema Datenschutz etc.). Das Angebot an schulinternen Lehrerfortbildungen (SchiLF) wird ausgebaut, um Lehrkräfte an den Schulen vor Ort mit medienpädagogischenThemen zu erreichen. Das erfolgreiche Schüler*innen-Projekt „München hören“ und die Online-Fachtagungsreihe #moMUCdigital werden ebenso fortgeführt wie die modularen Angebote für neu eingestellte Lehrkräfte und Anwenderbetreuer*innen an Münchner Schulen. Im Herbst 2023 starten zwei Zusatzqualifikationen (für Lehr- und Erziehungskräfte) zum Thema Medienpädagogik. Eine besondere Herausforderung und Relevanz hat das Stadtratshearing „Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen“, das im Herbst 2023 geplant ist und dessen Ergebnisse aus den interaktiven Themeninseln direkt an die Zielgruppen zurückgespiegelt werden.
Frage 5:
Durch Homeschooling und Quarantäne ergab und ergibt sich für viele Kinder das Problem, dass sie zuhause Schulbücher bräuchten, die aber in der Schule geblieben sind. Kann die Pandemie-Erfahrung den Umstieg auf zeitgemäßere Lernmittel beschleunigen (ähnlich wie es in vielen Betrieben mit Homeoffice gelungen ist)?
Antwort:
Die Pandemie-Erfahrung hat die digitale Ausstattung an den Schulen, die Nutzung zeitgemäßer, digitaler Lernmittel und den Wunsch nach einem ortsunabhängigen und flexiblen Lernen und Arbeiten beschleunigt bzw. intensiviert. Das Referat für Bildung und Sport ist deshalb bestrebt, diesen Aufwind zu nutzen und städtische Schulleitungen und das pädagogische Personal bestmöglich in der Entwicklung einer Schulkultur, bei der digitale Lernmittel eine Selbstverständlichkeit darstellen, zu unterstützen. Mit dem Ausbau der digitalen Infrastruktur an Münchens Schulen, dem Fort- und Weiterbildungsangebot und der Weiterentwicklung der BayernCloud Schule durch den Freistaat besteht die Möglichkeit einer zeitnahen, nachhaltigen und qualitativen Veränderung.
Ich bitte die verspätete Beantwortung Ihrer Anfrage zu entschuldigen.
1 Online verfügbar unter: https://www.vodafone-stiftung.de/zwischen-vision-und-realitaet-im-21-jahr-hundert-lernen-und-lehren-im-europaeischen-vergleich/