Kulturelle Zusammenarbeit mit den Münchner Partnerstädten
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Leo Agerer, Beatrix Burkhardt, Michael Dzeba und Heike Kainz (Stadtratsfraktion der CSU mit FREIE WÄHLER) vom 7.3.2023
Antwort Kulturreferent Anton Biebl:
Mit o.g. Anfrage haben Sie dem Kulturreferat Fragen hinsichtlich der Kooperation mit Münchens Partnerstädten im kulturellen Bereich gestellt. Wir bedanken uns für die gewährte Fristverlängerung und beantworten hiermit die von Ihnen gestellten Fragen. Dabei konzentrieren wir uns auf die aktuellen Projekte, die im letzten Bericht über die Aktivitäten mit den Partnerstädten für den Stadtrat noch nicht enthalten sind.
(https://stadt.muenchen.de/infos/partnerstaedte.html)
Ihre Anfrage vom 7.3.2023 beantworte ich wie folgt:
Frage 1:
Welche kulturellen Kontakte bestehen zu den einzelnen Partnerstädten?
Antwort:
Seit der Gründung der Arbeitsgruppe Städtepartnerschaften mit Teilnehmer*innen aus dem Kulturreferat, dem Referat für Arbeit und Wirtschaft sowie dem Direktorium und allen Stadtratsfraktionen im Januar 2021 haben sich die Kontakte zu den Partnerstädten intensiviert, die Zusammenarbeit zwischen den AG-Teilnehmer*innen – insbesondere im Rahmen von Städtepartnerschaftsjubiläen – wurde gestärkt und sowohl die interne als auch die externe Kommunikation über die Projekte und Aktionen mit den Partnerstädten wurde verbessert.
Derzeit steht das Kulturreferat in den meisten Partnerstädten in direktem Kontakt mit der Stadtverwaltung und bestimmten Kultureinrichtungen. Mit den Partnerstädten Bordeaux, Sapporo, Verona, Kyiv, Edinburgh und Be’er Sheva bestehen direkte und fruchtbare Kontakte, die in Form von kulturellen Kooperationen fortgesetzt werden. Darüber hinaus gibt es, wie aus dem jährlichen Bericht über die Aktivitäten mit den Partnerstädten hervorgeht, immer wieder von Künstler*innen initiierte Projekte, die das Kulturreferat durch Zuschüsse unterstützt. Die meisten dieser Projekte finden im Rahmen der Jubiläen der Partnerstädte statt. Naturgemäß unterliegen die Kontakte zu Kulturverwaltungen und Institutionen einem gewissen Wandel: Politische und finanzielle Rahmenbedingungen sowie das sich teilweise ändernde Interesse der Münchner Kunst- und Kulturschaffenden sowie derMünchner Kulturinstitutionen haben Einfluss auf die Nähe und Intensität des Kontakts zu einzelnen Städten. So gab es beispielsweise viele Jahre Projekte insbesondere mit NGO´s in Harare, die aber – auch aufgrund der seit Jahren kritischen politischen Situation dort – nicht mehr fortgeführt wurden.
Aktuell bestehen folgende Kontakte des Kulturreferats München zu den einzelnen Partnerstädten:
Be’er Sheva
Stadtverwaltung Be’er Sheva
The Fringe Theater
Goodman Acting School
Kamea Dance Company
Bordeaux
Stadtverwaltung Bordeaux
308 Maison de l‘Architecture
arc en reve – centre d’architecture
Goethe-Institut Bordeaux (bis 2023)
Edinburgh
Make Works Scotland
Edinburgh Sculpture Workshop
Harare
Stadtverwaltung Harare
Goethe Zentrum Harare
CaliGraph
Kyiv
Stadtverwaltung Kyiv
National Museum of Art Ukraine
Theater of Playwrights
The Naked Room
Sapporo
Stadtverwaltung Sapporo
Tenjinyama Art Studio
Odori 500-m Underground Walkway Gallery
Goethe-Institut Japan (Kyoto)
Verona
Stadtverwaltung Verona
Archivio Generale del Commune di Verona
Archivio di Stato di Verona
Liceo Artistico di Verona
Frage 2:
Auf welchen Ebenen findet kultureller Austausch/Kooperationen statt?
Antwort:
Der kulturelle Austausch mit Partnerstädten findet hauptsächlich zwischen Künstler*innen und Kultureinrichtungen im Rahmen gemeinsamer Projekte statt. Die Projekte entstehen entweder aus der Initiative der Künstler*innen oder der kulturelle Akteur*innen der freien Szene München – und werden durch Zuschüsse vom Kulturreferat gefördert – oder aufgrund der Initiative des Kulturreferats und der städtischen Kulturinstitutionen.
Nachdem die Städtepartnerschaften längere Zeit nicht im primären Fokus der internationalen Aktivitäten des Kulturreferats standen, bemüht sich das Kulturreferat in den letzten Jahren, kulturelle Bereiche mit Austauschpotenzial in den verschiedenen Partnerstädten zu identifizieren, um neue Kooperationen zu fördern. Im Jahr 2023 begann beispielsweise eine neue Zusammenarbeit im Bereich Architektur mit der Architekturresidenz Bordeaux-München. Im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen München und Bordeaux bieten das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und die Stadt Bordeaux in Kooperation mit dem 308 – Maison de l‘Architecture en Nouvelle-Aquitaine, arc en rêve centre d‘architecture, der Architekturgalerie München, dem TUM Cluster Sustainable Real Estate München, dem Goethe-Institut Bordeaux und dem Institut français München einem*einer diplomierten Architekt*in mit Wohnsitz in München/Bordeaux die Möglichkeit eines dreimonatigen Aufenthalts in Bordeaux/München.
Mit Sapporo besteht ein fruchtbarer Austausch im Bereich der bildenden Künste: 2022 hat das Kulturreferat im Rahmen des Jubiläums der Städtepartnerschaft mit Sapporo eine Ausschreibung in Kooperation mit der Stadt Sapporo und Tenjnyama Art Studio in Sapporo veröffentlicht, um eine 3-monatige Künstler*innenresidenz in der Villa Waldberta anzubieten. Die ausgewählte Künstlerin, Miyuki Oka, hat am Festival des Spiels, des Sports und der Kunst im Olympiapark eine Kunstinstallation präsentiert. Die Kooperation mit dem Tenjinyama Art Studio und der Stadt Sapporo wird 2024 fortgesetzt: die Münchner Kunstinitiative treibgut wird für einen zweimonatigen Aufenthalt (4. Januar bis 28. Februar 2024) nach Sapporo eingeladenund am Sapporo Art Festival (SIAF) teilnehmen. Ende Februar werden sie das Projekt im Goethe-Institut Japan Villa Kamogawa (Kyoto) präsentieren.
Im Bereich Public History besteht seit 2018 das Projekt „Auf der Suche nach gemeinsamen Geschichten: Transnationales Erinnern zwischen München und Verona“, das gemeinsam mit Professorin Dr. Bettina Severin-Barboutie (erst Universität Gießen, jetzt Clermont-Ferrand) aufgebaut wurde. Das Projekt geht der Frage nach, wie sich eine transnationale Erinnerung für die Migrationsgeschichte der Städte Verona und München etablieren kann. Es besteht hierzu Kontakt in Verona mit dem Archivio Generale del Commune di Verona (Stadtarchiv), dem Archivio di Stato di Verona (Staatsarchiv), dem Liceo Artistico di Verona (Kunst-Gymnasium), der verantwortlichen Person für Erinnerungsinitiativen in der Stadtverwaltung und Akteur*innen (z.B. Filmemacher*innen) vor Ort, die sich mit den Themen Migration und Erinnerungskultur befassen.
Die Kontaktgruppe Munich Kyiv Queer, 2012 nach dem CSD in München entstanden, setzt sich speziell für die Menschenrechte von queeren Menschen in der Ukraine ein. Die Städtepartnerschaft zwischen Kyiv und München ist die Basis dafür. Seitdem ist eine lebendige Zusammenarbeit zwischen den LGBTIQ*-Communities beider Städte entstanden, die sich in Freundschaft verbunden sind. Mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat sich Munich Kyiv Queer als Hilfsorganisation neu erfunden.
Weiterhin haben sich viele Münchner Kulturinstitutionen, Kunstgruppen und Akteur*innen seit Kriegsausbruch mit der Ukraine solidarisiert. Ukrainische Künstler*innen wurden in zahlreichen Formaten unterstützt und beispielsweise in der Rathausgalerie präsentiert sowie in der Münchner Stadtbibliothek, in den Kammerspielen und an vielen anderen Orten in München. Das Residenzprogramm Artist in Residence Munich (Villa Waldberta und Ebenböckhaus) besetzte fünf Plätze mit ukrainischen Künstler*innen, unter anderem Alina Sokulska aus Kyiv. Zudem ging die erste Aufenthaltsmöglichkeit der 2023 neu geschaffenen Munich Residency for Artists at Risk in der Halle 6 an die Ukrainerin Maryna Levchenko.
Im Rahmen der Klimapartnerschaft zwischen Harare und München entwickeln der Münchner Künstler Markus Heinsdorff und das Künstlerkollektiv CaliGraph aus Harare ein Kunstprojekt zum Thema nachhaltige Mobilität in urbanen Räumen. Nyasha Jeche und Marcus Zvivanashe besuchten im November 2023 München und werden 2024 das Projekt in Harare umsetzen.Seit dem Zusammenschluss durch die Partnerschaft mit Be’er Sheva kam es zu zahlreichen Treffen, Besuchen und Austauschen auf kultureller Ebene zwischen den beiden Städten. Aktuell gibt es einen Austausch im Theater- und Tanzbereich mit The Fringe Theater, Kamea Dance Company und der Goodman Acting School. Am 5. November 2023 fand die erste kulturelle Kooperation mit dem Fringe Theater und dem Ensemble Orto-Da aus Be’er Sheva in München statt. Das Theaterstück „Stones“ von Yinon Zafrir wurde aufgeführt mit einer anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Erinnerungskultur und performative Kunst“.
Nach dem Terroranschlag der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober hat das Kulturreferat der Landeshauptstadt München seine Solidarität mit den kulturellen Kooperationspartner*innen in Be‘er Sheva zum Ausdruck gebracht. Die Münchner Philharmoniker planen ein Solidaritätskonzert am 17. Januar 2024 in der Isarphilharmonie. Weitere spezifische Fördermaßnahmen werden derzeit geprüft.
Frage 3:
Inwieweit kooperieren städtische Kultureinrichtungen wie z.B. die Theater, Museen oder die Philharmoniker bereits mit den Partnerstädten bzw. gibt es Planungen dies zu intensivieren?
Antwort:
Wie aus den Berichten über die Aktivitäten mit den Partnerstädten der letzten Jahre hervorgeht, gibt es immer wieder Kooperationen zwischen städtischen Kultureinrichtungen und Partnerstädten.
Aktuell ist Oksana Oliinyk (Kyiv) bei der Städtische Galerie im Lenbachhaus als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt. Die Personalkosten hat die Ernst von Siemens Kunststiftung im Rahmen ihrer UKRAINE-Förderlinie im ersten Jahr (2022) vollständig, im zweiten Jahr zur Hälfte übernommen. Oksana Oliinyk erforscht im Rahmen ihrer Tätigkeit unter anderem Künstlerinnen des Blauen Reiter und dessen Umfelds, die in der Ukraine geboren sind, wie Elisabeth Epstein und Sonia Delaunay. Sie vertritt das Lenbachhaus bei Projekten zur ukrainischen Moderne in anderen Institutionen.
Auch die Münchner Kammerspiele haben dieses Jahr Ihre Zusammenarbeit mit ukrainischen Dramatiker*innen fortgesetzt. Im Rahmen von „Female Peace Palace“, einem gemeinsamen Projekt der Münchner Kammerspiele und der Monacensia im Hildebrandhaus wurde das Theaterstück „Green Corridors“ präsentiert. In ihrem Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele, dass die ukrainische Autorin Natalka Vorozhbyt, inspiriertvon eigenen Erlebnissen auf der Flucht geschrieben hat, machen sich 4 Frauen aus Charkiw, Tschernihiw, Butscha und Kyiv auf den Weg nach Europa. Jan-Christoph Gockel inszenierte diese Uraufführung mit einer brillanten ukrainisch-deutschen Besetzung, mit einer ukrainischen Livezeichnerin sowie Livemusik.
2023 hat das Münchner Stadtmuseum den Künstler und Fotografen Eli Singalovski (Be’er Sheva) nach München eingeladen, eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum zu präsentieren. Er hat 3 Monate als Artist-in-Residence im Ebenböckhaus verbracht, um ein neues Projekt in München über die Architektur des Brutalismus zu entwickeln.
Um darüber hinaus noch kontinuierlichere und systematischere Kontakte zu den Partnerstädten zu unterhalten, fehlt es in den Kulturinstitutionen sowie im Kulturreferat an entsprechenden personellen und finanziellen Ressourcen. Zudem ist festzuhalten, dass die Kooperation mit den Partnerstädten nur ein Teil der internationalen Aktivitäten der Kulturinstitute und des Kulturreferats ist. Je nach fachlicher und künstlerischer Fragestellung erweisen sich auch andere Partner oder Städte als geeignetere Kooperationspartner.
Das Kulturreferat bemüht sich jedoch, in geeigneten Fällen und im Rahmen seiner personellen Möglichkeiten (z.B. bei Jubiläen von Partnerstädten oder bei konkreten Projekten) gezielt Institutionen in München und den Partnerstädten in Kontakt zu bringen.
Frage 4:
Gibt es seitens der Stadt Möglichkeiten gezielt Kulturschaffende aus den Partnerstädten zu einem Austausch nach München einzuladen und wie hoch ist hier der entsprechende Bedarf?
Antwort:
Wie oben bereits beschrieben, wurden Kulturschaffende und Künstler*innen aus den Partnerstädten wiederholt für längere Aufenthalte im Rahmen von Residencies, Projekten und Kooperationen eingeladen.
Auch Kulturdelegationen sind eine gute Möglichkeit, das Potenzial für einen institutionellen Austausch direkt zu ermitteln. Deshalb empfängt das Kulturreferat – auch in Kooperation mit dem Direktorium – punktuell Delegationen in München (z.B. Bordeaux 2022, Be‘er Sheva 2022).Eine Ausweitung der allgemeinen Arbeit mit Städtepartnerschaftsprogrammen, die Entwicklung einer Strategie und eines Aktionsplans wären nur mit zusätzlichem Budget und Personal möglich.
Ich hoffe, dass ich Ihre Fragen hiermit zufriedenstellend beantworten konnte.