Um Jugendlichen mit Startnachteilen bessere Chancen auf berufliche und soziale Integration zu ermöglichen, verfolgt die Stadt München seit 2012 das Modell der Bedarfsorientierten Budgetierung (BoB). Die Mittel stehen insbesondere Schulen mit einer überdurchschnittlich herausfordernden Schülerschaft zur Verfügung, die damit zusätzliche Fördermaßnahmen finanzieren können. Neue Forschungsergebnisse belegen den Erfolg dieses Ansatzes auch an beruflichen Schulen. Die Studie zeigt, wie die Bedarfsorientierte Budgetierung mehr erfolgreiche Ausbildungsabschlüsse und dadurch mehr Fachkräfte für die Wirtschaft sichern und entsprechend den Bedarf an Übergangsmaßnahmen für Menschen ohne Berufsabschluss reduzieren kann.
Grundlage der wissenschaftlichen Studie sind Daten, die ein Forschungsteam der Universität St. Gallen (Professor Dr. Dieter Euler) und der Universität Erlangen-Nürnberg (Dr. Angela Hahn) zwischen 2018 und 2021 an zwölf städtischen Berufsschulen in München erhoben hat. Zu ihnen gehören u.a. die Städtische Berufsschule für Farbe und Gestaltung, die Städtische Berufsschule für das Hotel-, Gaststätten- und Braugewerbe sowie die Städtische Berufsschule für zahnmedizinische Fachangestellte. In den zwei- und dreijährigen Ausbildungsberufen dieser Schulen werden überdurchschnittlich häufig Jugendliche mit einem niedrigen Schulabschluss oder Zuwanderungshintergrund ausgebildet. Seit dem Schuljahr 2016/17 standen ihnen jährlich insgesamt 450 zusätzliche Lehrerwochenstunden aus Mitteln der Bedarfsorientierten Budgetierung zur Verfügung. Diese Ressourcen setzten die Schulen entsprechend ihrer spezifischen Bedarfe für Maßnahmen wie individuelle Förderung, Prüfungsvorbereitung, Teamteaching und Klassenteilungen ein.
Stabile Prüfungsleistungen trotz schlechterer Ausgangsbedingungen
In der vom Münchner Stadtrat beauftragten wissenschaftlichen Begleitung wird deutlich: Die durch die BoB finanzierten Maßnahmen sind höchst wirksam und können dem für Deutschland typischen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg entgegenwirken. So zeigten die geförderten Ausbildungsgänge während der gesamten Studiendauer stabile Prüfungsleistungen und eine gleichbleibende Zahl an Ausbildungsabbrüchen, obwohl die Rahmenbedingungen an den Schulen sich seit Einführung der BoB zum Schuljahr 2016/17 erheblich verschlechtert haben. Belege für die Wirksamkeit der Maßnahmen finden sich weiterhin in den qualitativen Rückmeldungen von Lehrkräften und Auszubildenden. Neben jährlichen, schriftlichen Befragungen der Auszubildenden sind auch längsschnittlich angelegte, themenzentrierte Interviews mit Schulleitungen und Lehrkräften sowie Fallanalysen mit sieben exemplarisch ausgewählten Auszubildenden in die Studie eingeflossen.
Anwendungsorientiertes Studiendesign
Entsprechend ihrem gestaltungsorientierten Forschungsansatz ging es den Studienautor*innen nicht nur um die Evaluation der umgesetzten Maßnahmen, sondern auch um die wissenschaftlich gestützte Weiterentwicklung der Maßnahmen und ihre Implementierung in der Breite. Dafür haben die Wissenschaftler*innen jährliche Schulworkshops mit den Schulen durchgeführt und ein umfangreiches BoB-Manual erstellt, das sämtliche an den Schulen umgesetzte Fördermaßnahmen systematisiert. Das Manual dient den Schulen als Nachschlagewerk, ermöglicht eine Einordnung der eigenen Förderansätze und liefert Anregungen für weitere Fördermöglichkeiten.
Für die Landeshauptstadt München ist Bedarfsorientierte Budgetierung ein zentrales Instrument, um Startnachteile auszugleichen und Bildungschancen für alle zu erhöhen. Bereits im Oktober 2022 hatte der Stadtrat beschlossen, die Bedarfsorientierte Budgetierung ab dem Schuljahr 2023/24 auf alle städtischen beruflichen Schulen auszuweiten und Befristungen aufzuheben. In Summe wurden für die Umsetzung der Maßnahmen an den städtischen beruflichen Schulen bislang 1.150 sogenannte Lehrerwochenstunden bewilligt.
Ein gutes Indiz für den Erfolg dieses Münchner Ansatzes: Seit diesem Schuljahr werden vergleichbare Maßnahmen auch bundesweit im Startchancen-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ausgerollt.
Bürgermeisterin Verena Dietl: „Die Bedarfsorientierte Budgetierung ist seit der Einführung im Jahr 2012 ein wichtiger Pfeiler unserer städtischen Bildungspolitik. Sie eröffnet den Schulen vor Ort zusätzliche Möglichkeiten, flexibel und differenziert auf besondere Förderbedarfe einzugehen und dadurch den bestehenden Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen. Ein echtes Münchner Erfolgsmodell, jetzt auch mit wissenschaftlichem Qualitätssiegel.“
Stadtschulrat Florian Kraus: „Der Abschlussbericht von Professor Euler und Dr. Hahn zeigt, was uns die Lehrkräfte unserer städtischen Berufsschulen schon lange spiegeln: Die Bedarfsorientierte Budgetierung eröffnet genau den Raum zur individuellen Förderung, der den Unterschied machen kann zwischen Schulabbruch und Schulabschluss, zwischen weiteren Jahren in Übergangsmaßnahmen oder motiviertem Berufsstart. Mehr noch: Die bedarfsorientierte Budgetierung ist ein hervorragendes Instrument, um dringend benötigte Fachkräfte für unseren Arbeitsmarkt zu sichern und die soziale Integration von Geflüchteten zu beschleunigen. Ich freue mich, dem Stadtrat diese gute Botschaft zu präsentieren.“