Fortschreibung der Anfrage „Braucht der Klapperstorch Unterstützung?“
Antrag Stadtrats-Mitglieder Sabine Bär, Beatrix Burkhardt, Michael Dzeba, Alexandra Gaßmann, Ulrike Grimm, Heike Kainz, Winfried Kaum, Jens Luther und Rudolf Schabl (Stadtratsfraktion der CSU mit FREIE WÄHLER) vom 3.5.2024
Antwort Gesundheitsreferat:
Ihrem Antrag liegt folgender Sachverhalt zu Grunde:
„Das Gesundheitsreferat (GSR) der Landeshauptstadt München (LHM) wird gebeten, die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen zur Hebammenversorgung in München in der Anfrage Nr. 20-26/F 00614 ‚Braucht der Klapperstorch Unterstützung?‘ vom 9.12.2022 für die inzwischen vergangene Zeit fortzuschreiben und zu aktualisieren.“ Dabei soll besonderes Augenmerk daraufgelegt werden, wie sich die angekündigte Schließung der Frauenklinik der Rotkreuzklinikum gGmbH in der Taxisstraße auf die Versorgungssituation auswirke. Dies wird damit begründet, dass Hebammen in Deutschland einen Mangelberuf ausüben. Für werdende Mütter, aber auch Väter, seien Hebammen jedoch genau die Ansprechpersonen, die in einer sowieso schon turbulenten Lebensphase nicht wegzudenken seien und folglich auch nicht fehlen sollten. In München sei die Situation dadurch verschärft, dass die Bevölkerung im deutschlandweiten Vergleich stark zunehme und mit der Frauenklinik der Rotkreuzklinikum gGmbH an der Taxisstraße eine wichtige Anlaufstelle schließen werde.
Herr Oberbürgermeister Reiter hat mir Ihren Antrag zur Beantwortung zugeleitet. Ihr Einverständnis vorausgesetzt erlaube ich mir, Ihren Antrag vom 3.5.2024 als Brief zu beantworten.
Zur Frauenklinik der Rotkreuzklinikum gGmbH an der Taxisstraße teilt die Rotkreuzklinikum gGmbH in ihrer Stellungnahme Folgendes mit:
„Es ist perspektivisch eine Zusammenlegung der beiden Betriebsstätten in den Standort Nymphenburger Straße geplant. Dies bedeutet, dass die Frauenklinik aus der Taxisstraße verlegt werden wird. Dies wird allerdings nicht sofort oder schnell passieren, denn hierfür sind viele Vorarbeiten nötig. Für den Umzug gibt es noch keinen konkreten Termin.
Alle Leistungen der Frauenklinik werden heute und auch zukünftig am neuen Standort in der Nymphenburger Straße im vollen Umfang weiterfortgeführt – im Idealfall werden wir diese sogar durch Leistungskonzentration noch weiter ausbauen.“
Vor diesem Hintergrund beantworte ich die im Antrag gestellten Fragen wie folgt:
Frage 1:
Wie stellt sich die derzeitige Versorgungslage werdender Mütter mit Hebammen in
a) der Vorsorge und
b) der Nachsorge dar?
Antwort:
Aktuelle Zahlen zur Hebammenversorgung in München liegen dem GSR aufgrund einer Evaluation der geburtshilflichen Kapazitäten der LHM im Jahr 2023 und einer Befragung von Münchner Hebammen im Jahr 2022 vo r.
Für den Bereich der Schwangerschaftsvorsorge gilt, dass sie allgemein ärztlich geprägt ist und diese Leistung bei Hebammen weniger nachgefragt wird als die Wochenbettbetreuung. Es gibt im Bereich der Schwangerschaftsvorsorge unterschiedliche Kooperationen zwischen Gynäkolog*innen und Hebammen, zum Teil arbeiten freiberufliche Hebammen in der gynäkologischen Praxis mit und bieten Schwangerschaftsvorsorge an. Genaue Zahlen dazu liegen dem GSR jedoch nicht vor.
Eine Mütterbefragung im Jahr 2023 (Online-Umfrage von 4.880 Müttern, die im Zeitraum von Juni bis September 2022 ein Kind bekommen haben, Rücklauf: 1.454 = 29,8%), die Teil der Evaluation der geburtshilflichen Kapazitäten war, kam bezogen auf die Frage nach der Versorgung mit Hebammenhilfe im Wochenbett zu folgenden Ergebnissen:
- 85,4% der Frauen wurden mit Hebammenhilfe im Wochenbett versorgt.
- 14,6% hatten keine Hebammenbetreuung im Wochenbett. Über ein Viertel der unversorgten Frauen gab an, dass sie keine Hebamme
gebraucht hätten, weil sie sich selbst gut auskennen würden. Über die Hälfte der unversorgten Frauen berichteten, dass die angefragten Hebammen bereits alle ausgebucht gewesen seien. Knapp 60% der Frauen empfand es als schwierig bis sehr schwierig, eine Hebamme für die Wochenbettbetreuung nach der Geburt in München zu finden. Ein Viertel der Frauen gab an, Hilfestellung bei der Suche erhalten zu haben (unter anderem durch die Hebammenvermittlungszentrale „HebaVa-ria“). Knapp die Hälfte der Frauen musste eine bis fünf Hebammen kontaktieren, um eine Nachsorgehebamme zu finden, ein Fünftel (21,5%) der Frauen sogar sechs bis zehn Hebammen.
Für alle Münchnerinnen, die Probleme bei der Suche nach einer Hebamme im Wochenbett (oder auch für die Vorsorge) haben, steht die Hebammenvermittlungszentrale „HebaVaria“ (https://www.hebavaria.de) zur Verfügung. Das Leistungsangebot umfasst zusätzlich einen aufsuchenden Hebammendienst für Frauen, die bis zur Geburt keine Hebamme gefunden haben. Die Hebammenvermittlungszentrale bietet Projekte in Unterkünften und verdichteten Wohnsituationen an, damit auch Frauen mit Zugangsbarrieren Hebammenhilfe erhalten können. Die Rückmeldungen von den Frauen zeigen, dass dieses Angebot sehr gut angenommen wird und die Vermittlungsquote hoch ist. Letztmalig wurde dem Stadtrat dazu in der Stadtratsvorlage Nr. 20-26/V 07393 „Verlängerung des Förderprogramms Geburtshilfe“ vom 20.10.2022 berichtet. Die Ergebnisse einer Zufriedenheitsabfrage zeigen, dass rund 77% der teilnehmenden Frauen (n = 1.241) sehr oder eher zufrieden mit der Betreuung durch die Hebammen nach der Geburt zuhause waren. 13% waren teils, 10% eher bzw. sehr unzufrieden.
Über die Arbeitssituation der Hebammen gibt die oben genannte Hebammenbefragung aus dem Jahr 2022 Auskunft. Bei der Befragung wurden 484 bei der LHM gemeldete Hebammen zu ihrer Arbeitssituation befragt. Der Rücklauf betrug 35% (142 Hebammen):
- 82 Hebammen gaben an, in der Schwangerschaftsvorsorge im Stadtgebiet München tätig zu sein (n = 140: 58,5%).
- 43 Hebammen gaben an, in der Geburtshilfe tätig zu sein (n = 140: 30,7%). Es ist wichtig zu beachten, dass ausschließlich freiberuflich tätige Hebammen befragt wurden. Diese sind entweder als Beleghebammen in der stationären Geburtshilfe oder in der außerklinischen Geburtshilfe tätig. In der stationären Geburtshilfe arbeiten zusätzliche fest angestellte Hebammen.
- 121 Hebammen gaben an, in der Wochenbettbetreuung im Stadtgebiet München tätig zu sein (n = 140: 86,4%).
Die Ergebnisse lassen sich nicht verlässlich auf die Gesamtheit der kontaktierten Hebammen übertragen. Aufgrund der Rücklaufquote von nur 35% ist zu vermuten, dass mehr Hebammen zur Verfügung stehen.Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse ist in der Sitzungsvorlage Nr. Nr. 20-26/V 07393 „Verlängerung des Förderprogramms Geburtshilfe“ vom 20.10.2022 zu finden.
Frage 2:
Wie stellt sich die Versorgungslage werdender Mütter mit Hebammen zur Geburt selbst sowohl in den Kliniken als auch bei der ambulanten Geburt dar?
Antwort:
Es wird auf die Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 13436 „München Klinik gGmbH (MüK); Zielbild 20++ und Medizinkonzept“, Anlage 4, sowie ergänzend auf die Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 12096 „Geburtshilfe Neuperlach“ vom 24.7.2024 verwiesen. Die Vorlagen erhalten umfassende Versorgungsanalysen zur Geburtshilfe in München.
Frage 3:
Ist ersichtlich, wie viele werdende Mütter in München entbinden – vor allem vor dem Hintergrund von Schließungen und Rückbau von Entbindungsstationen im Münchner Umland? D.h. ist eine Steigerung gegenüber den Vorjahren zu erkennen?
Antwort:
Die Geburtenzahlen der vergangenen Jahre zeigen einen moderaten Anstieg bis zum Jahr 2021, für die Jahre 2022 und 2023 jedoch jeweils einen leichten Rückgang:
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Eine ausführliche Darstellung der Geburtenzahlen mit demografischen Prognosen bis 2024 sowie einen Abgleich mit den vorhandenen und geplanten Entbindungskapazitäten ist der Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 12096 „Geburtshilfe Neuperlach“ vom 24.7.2024 zu entnehmen.
Frage 4:
Welche Auswirkungen auf die Versorgungssituation hat die Schließung der geburtshilflichen Abteilung in Neuperlach?
Antwort:
Es wird auf die Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 12096 „Geburtshilfe Neuperlach“ vom 24.7.2024 verwiesen, in der die Verlegung der geburtshilflichen Abteilung von Neuperlach nach Harlaching behandelt wird.
Frage 5:
Wie stellt sich für die werdenden Mütter die Suche nach Hebammen in den drei Zeitabschnitten Vorsorge, Geburt und Nachsorge dar? Wie viel vor der Geburt muss sich die werdende Mutter durchschnittlich um eine Hebamme bemühen?
Antwort:
Vorsorge:
Dem GSR liegen keine aktuellen Zahlen für den Bereich „Schwangerschaftsvorsorge durch Hebammen“ vor. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 (IGES-Studie, Sander et al., 2018) wird die Schwangerschaftsvorsorge als Hebammenleistung von Schwangeren weniger nachgefragt als die Wochenbettbetreuung nach der Geburt. Als Gründe gaben die Schwangeren an, dass sie bereits umfangreich von einer gynäkologischen Praxis betreut werden oder aufgrund einer vorangegangenen Schwangerschaft bereits über genügend Erfahrungswissen verfügen würden.
Geburt:
Es wird auf die Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 13436 „München Klinik gGmbH (MüK); Zielbild 20++ und Medizinkonzept“ vom 24.7.2024 verwiesen. Die Anlage 4 der Sitzungsvorlage enthält eine ausführliche Versorgungsanalyse der Geburtshilfe in München.
Nachsorge (Wochenbettbetreuung)
Siehe Frage 1.
Frage 6:
Wie viele Hebammen gibt es derzeit in München, sowohl freiberuflich als auch angestellt?
Antwort:
Zum 10.5.2024 waren insgesamt 471 freiberufliche Hebammen in der Meldestelle des GSR erfasst.Laut der Evaluation der geburtshilflichen Kapazitäten der LHM gab es im Jahr 2023 42 VZÄ angestellte Hebammen (von 47 VZÄ Planstellen) an Kliniken und 181 Beleghebammen im Schichtsystem als Dienst-Beleghebammen.
Hebammen können sowohl angestellt als auch (gleichzeitig) freiberuflich arbeiten, somit kann es vorkommen, dass ein und dieselbe Hebamme in beiden Erhebungen vorkommt. Nur die freiberuflichen Hebammen unterliegen der Meldepflicht bei der Meldestelle des GSR. Es ist schwierig, von der Anzahl der Hebammen auf die Versorgungslage mit Hebammenhilfe zu schließen, da der tatsächliche Arbeitsumfang jeder einzelnen Hebamme nicht erfasst wird.
Frage 7:
Was kann die Landeshauptstadt München tun, um die Ansiedelung von Hebammen zu erleichtern?
Antwort:
Das GSR berichtet dem Stadtrat regelmäßig über seine Bemühungen um die Ansiedlung von Hebammen, zuletzt im Herbst 2022 in der Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 07393 „Verlängerung des Förderprogramms Geburtshilfe“ am 20.10.2022 . Der aktuelle Fokus liegt auf der Umsetzung des Geburtshilfeförderprogramms (GebHilfR) des Freistaats Bayern, das von der LHM zu 10% finanziert wird.
In der Vergangenheit hat sich das GSR mit Erfolg für die Etablierung eines Hebammenstudiengangs in München eingesetzt. Im Jahr 2019 wurde an der Katholischen Stiftungshochschule München (KSH) ein Hebammenstudiengang neu eingerichtet und damit die Akademisierung des Berufes in der LHM vorangetrieben. Über die GebHilfR wird ab 2024 eine Personalstelle für die Koordination und Praxisanleitung der Hebammenstudierenden an der München Klinik (MüK) finanziert. Somit setzt sich das GSR für die Umsetzung der Praxisanleitung für die Hebammenstudierenden an den städtischen Kliniken ein und fördert damit die praktische Ausbildung der Hebammenstudierenden.
Das Sozialreferat hat in Kooperation mit dem GSR einen Anpassungslehrgang für Hebammen mit ausländischem Abschluss initiiert. Im Rahmen dieser Kooperation hat das GSR die Erstellung und Finanzierung eines Modulhandbuchs übernommen. Am 1.11.2023 konnte der Anpassungslehrgang an der Katholischen Stiftungshochschule starten und 14 Absolven-tinnen aus Drittstaaten werden innerhalb eines Jahres voraussichtlich ihre Berufszulassung in Deutschland (bzw. EU-weit) erwerben.
Die bereits genannte Hebammenvermittlungszentrale HebaVaria e.V. wird ebenfalls über die GebHilfR, zu einem wesentlichen Teil aber auch mit städtischen Mitteln finanziert. HebaVaria e.V. bietet auch Unterstützung von Hebammen im beruflichen Alltag an. Der Verein organisiert Fortbildungen, um den Hebammen, die laut Berufsordnung vorgeschriebene
Fortbildungspflicht zu erleichtern und bietet den freiberuflichen Hebammen eine Urlaubs- und Krankheitsvertretung an, so dass sie mehr Frauen zur Betreuung bis kurz vor Urlaubsbeginn annehmen können. Zusätzlich unterstützt HebaVaria e.V. das Qualitätsmanagement, das mittlerweile für freiberufliche Hebammen verpflichtend ist und laut Hebammenbefragungen eine Hürde bei der Berufsausübung darstellt. Die Software „HebaApp Software“, die mit Hilfe der Fördergelder zur digitalen Organisation der Hebammenvermittlung entwickelt wurde, unterstützt HebaVaria e.V. bei der Vermittlung von Hebammen an Schwangere und Wöchnerinnen
Das GSR organisiert jährlich (für die Hebammen) kostenfreie Fortbildungen, Fachtage und Gremien, um die Hebammen zu relevanten Themen
fortzubilden, untereinander zu vernetzen und einen Austausch unter den an der Geburtshilfe beteiligten Berufsgruppen zu fördern.
Frage 8:
Gibt es finanzielle Einbußen für die Hebammen, wenn die Einrichtung in Neuperlach geschlossen wird?
Antwort:
Es wird auf die Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 12096 „Geburtshilfe Neuperlach“ vom 24.7.2024, Beschlussziffer 1 verwiesen.
Die Beantwortung ist mit der Gleichstellungsstelle für Frauen, der München Klinik gGmbH und dem Rotkreuzklinikum (Kliniken der Schwesternschaft München v. BRK e.V.) abgestimmt.
Um Kenntnisnahme der vorstehenden Ausführungen wird gebeten. Ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit damit abgeschlossen ist.