Wiesn-Kollaps am Münchner Flughafen?
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Professor Dr. Jörg Hoffmann, Gabriele Neff, Richard Progl und Fritz Roth (FDP BAYERNPARTEI Stadtratsfraktion) vom 4.10.2024
Antwort Clemens Baumgärtner, Referent für Arbeit und Wirtschaft:
In Ihrer Anfrage vom 4.10.2024 führten Sie als Begründung aus: „Laut Presseberichten kam es am gestrigen Feiertag zu chaotischen Zuständen am Münchner Flughafen – ‚kilometerlangen‘ Warteschlangen vor dem Terminal 2, die sogar bis in die Außenflächen reichten. Die langen Wartezeiten vor der Sicherheitsabfertigung führten wohl sogar zu Verspätungen bei einigen Flügen. Videos von frustrierten Passagieren liefern ein verheerendes Bild, die Situation scheint völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein.
Gerade zu Zeiten des Oktoberfestes liegt riesige, weltweite Aufmerksamkeit auf München – da kommt ein Organisationskollaps am Flughafen einem Image-Desaster gleich. Von offizieller Seite gab es keine Stellungnahme und auch keine Warnung an die Passagiere, möglichst frühzeitig vor Ort zu sein.“
Zu den in der Anfrage gestellten Fragen kann ich Ihnen auf Basis der Stellungnahme der Flughafen München GmbH (FMG) Folgendes mitteilen:
Frage 1:
Ist es zutreffend, dass es am 3.10. zu massiven Störungen und Verzögerungen in der Passagierabfertigung kam?
Antwort der FMG:
„Ja. Ursächlich für die Warteschlange vor der Sicherheitskontrollstelle im Terminal 2 am 3.10.2024 war jedoch ein, in dieser extremen Form, nicht vorhersehbares Zusammentreffen mehrerer Faktoren. Dieses hatte jedoch zur Folge, dass die vorhandenen Kontrollkapazitäten temporär nicht ausgereicht haben und sich eine Warteschlange (9.15 bis 13.45 Uhr) bildete.“
Frage 2:
Als Oberbürgermeister ist Dieter Reiter Mitglied des Aufsichtsrats des Flughafens. Worin liegt nach seiner Einschätzung das Problem und was unternimmt der Aufsichtsrat, damit sich solche Zustände nicht wiederholen?
Antwort:
Die Ursachen und Hintergründe der Warteschlangen wurden vom Geschäftsführer der FMG; Herrn Lammers, im Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft dargestellt und erläutert. Weitere Maßnahmen sind im Aufsichtsrat der FMG mit den Mitgesellschaftern zu diskutieren. Herr Oberbürgermeister Reiter und ich werden die Angelegenheit im Aufsichtsrat weiterverfolgen und ggf. weitere Gegenmaßnahmen einfordern.
Frage 3:
Ist das Passagieraufkommen zur Wiesn dasselbe wir im Vorjahr und falls ja, warum gibt es jetzt so ein Problem?
Antwort der FMG:
„Das Verkehrsaufkommen im Terminal 2 befand sich während des Oktoberfests auf einem sehr hohen Niveau und näherte sich an einzelnen Tagen punktuell sogar den Werten des Vor-Corona-Niveaus an. In diesem Jahr wurden während der Wiesn-Zeit über 2,2 Millionen Passagiere abgefertigt. Das tägliche Volumen lag mit durchschnittlich ca. 139.000 Passagieren fast 10.000 Passagiere über dem Vorjahr. Die diesjährigen Werte sind jedoch mit dem Vorjahr (2,34 Millionen Passagiere) insbesondere im Hinblick auf die Verteilung bzw. das An-/Abreiseverhaltens nur schwer zu vergleichen, zumal die Wiesn im letzten Jahr insgesamt zwei Tage länger dauerte. Die Auslastung der Flüge war mit rund 88% über den gesamten Wiesn-Zeitraum wie im Vorjahr auf Rekordniveau und lag sogar ca. 5 PP. über den Werten des Vor-Corona-Jahres 2019. An einzelnen Tagen erreichte diese sogar 92%, was operativ eine große Herausforderung darstellt.“
Frage 4:
Warum wurde die FMG von dem Andrang offenbar überrascht?
Antwort der FMG:
„Bereits im Vorfeld zum Oktoberfest und zum Brückentag wurde ein erhöhtes Fluggastaufkommen einkalkuliert. Allerdings war der enorme und fast zeitgleiche Passagierzustrom u. a. am Vormittag des 3.10. von der für den Betrieb des Terminal 2 zuständigen Terminal 2 Gesellschaft mbH & Co oHG so nicht prognostiziert. Konkret kamen viele Fluggäste zum einen mit mehr Handgepäck (Kurzreisende) und zum anderen deutlich früher als üblich am Flughafen an. Stichproben haben ein Eintreffverhalten von mehr als 4 Stunden vor Abflug in Einzelfällen sogar bis zu 8 Stunden vor Abflug ergeben. Gleichzeitig stehen aktuell aufgrund der Umbaumaßnahmen an der zentralen Sicherheitskontrollstelle im Terminal 2 (Einsatz neuer CT-Scanner) etwa 10% weniger Kapazitäten zur Verfügung. Zudem führen seit wenigen Wochen temporär strengere EU-Vorgaben zum Mitführen von Flüssigkeiten im Handgepäck auch an Kontrollstellen mit modernen CT-Scannern zu einer potentiellen Verlängerung der durchschnittlichen Kontrollzeit pro Pas-sagier (Kapazitätsverlust von rund 10%). Des Weiteren führten Bauarbeiten an der S8 in Richtung Flughafen dazu, dass die S-Bahn nicht im regelmäßigen Takt am Airport ankommen ist, was zusätzlich große Gruppen (bis zu 1.500 Passagiere) an gleichzeitig am Flughafen ankommenden Passagiere zur Folge hatte.“
Frage 5:
In den letzten Monaten häufen sich Berichte über schleppende Kofferabfertigung und Auslieferung nach dem Flug. Hängen die Probleme zusammen und wenn ja, wie?
Antwort der FMG:
„Nein. Die verlängerten Wartezeiten an der zentralen Sicherheitskontrollstelle im Terminal 2 am 3.10.24 haben als unterschiedliche und getrennte Prozessschritte keinen unmittelbaren Zusammenhang mit anderen Problemen im operativen Bereich, wie z. B. beim Gepäck.“
Frage 6:
Hat die schlechte Performance Auswirkungen auf das Airport-Ranking des Münchner Flughafens bei Skytrax?
Antwort der FMG:
„Die 5-Star-Bewertung des Flughafen München wurde im letzten Audit erst wieder von Skytrax bestätigt. Die aktuellen Vorkommnisse haben daher keine unmittelbare Auswirkung auf die aktuelle Bewertung.“
Frage 7:
Sieht der Oberbürgermeister die Gefahr, dass sich die Zustände und die Berichterstattung negativ auf den Tourismus der Stadt auswirken?
Antwort:
Der Flughafen München hat sich in unserer und in der Wahrnehmung von Gästen und Unternehmen bislang durch außergewöhnliche Zuverlässigkeit, hohe Servicequalität und starke Leistungsfähigkeit ausgezeichnet. Dies führte nicht nur zu positiven Reiseerlebnissen für die Gäste, sondern wurde auch von Reiseunternehmen und Veranstaltern sehr geschätzt, die den Flughafen infolgedessen oft als bevorzugten Ankunftsort in ihren Reiseabläufen einplanen. Zu betonen ist auch, dass der Flughafen München für den Geschäftsbereich Tourismus, Veranstaltungen und Hospitality im RAW ein langjähriger, konstruktiver und sehr zuverlässiger Kooperationspartner ist.Sollte die gewohnte Zuverlässigkeit und Servicequalität des Flughafens dauerhaft beeinträchtigt werden und sich die negative Berichterstattung über diese Defizite fortsetzen, könnten sich nicht nur nachteilige Imageeffekte für die Stadt und die Destination München einstellen, sondern auch Nachfragerückgänge im Tourismussektor:
- Imageeffekte:In Deutschland gibt es zahlreiche Beispiele für die nachteiligen Auswirkungen unzuverlässiger Transportlogistik auf das Image von Unternehmen, Städten oder sogar Ländern (z. B. Deutsche Bahn, Berlin und BER, Stuttgart und Stuttgart 21). Der Flughafen München hat sich bislang als positives Gegenbeispiel davon abgehoben. Die genannten Negativbeispiele zeigen, dass es kaum zu vermeiden ist, dass die Logistikdefizite eines Flughafens auch negative Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Exzellenz-Tourismusdestination München haben können. Mit Blick auf die Bedarfe von Touristen und Reiseunternehmen muss daher unbedingt vermieden werden, dass sich die derzeitige Entwicklung in München verstetigt.
- Touristische Nachfrage: Sollten die aktuellen Abfertigungsprobleme nicht nachhaltig gelöst werden und die Kund*innenzufriedenheit stattdessen weiter sinken, besteht die Gefahr, dass Flugreisende alternative Flughäfen wählen. Dies könnte zu einem bedauerlichen Verlust von Wertschöpfung für die Region führen. Zudem könnten Reiseveranstalter ihre Routen anpassen und den Flughafen München nicht mehr als Ausgangspunkt für Reisen nach München, Deutschland oder Europa nutzen. Beispielsweise könnten Flusskreuzfahrtveranstalter nach alternativen Startpunkten für ihre Donau-Flusskreuzfahrten suchen, was zu verkürzten Aufenthaltsdauern in München und zu einem Rückgang der Übernachtungen durch den Wegfall von Pre- oder Post-Cruise-Aufenthalten führen könnte. Auch Deutschland-Rundreisen könnten umgeplant werden. Eine zuverlässige Anreisemöglichkeit ist zudem ein entscheidender Erfolgsfaktor für internationale Kongresse und Messen. Ein Verlust dieses Verkaufsarguments könnte ebenfalls zu Nachfragerückgängen im Business- und MICE-Tourismus führen.
Es liegt daher im Interesse des Tourismus nach München, die hohe Zuverlässigkeit und Servicequalität des Flughafens München zu bewahren, um sowohl das positive Image der Stadt als auch die langfristige Attraktivität als Reise- und Geschäftsstandort zu sichern.
Frage 8:
Sind bereits Gespräche mit der Geschäftsführung anberaumt und/oder Maßnahmen ergriffen zur Lösung des Problems?
Antwort der FMG:
„Gemeinsam mit der Lufthansa, dem Bayerischen Staatsministerium für Bau, Wohnen und Verkehr, der Regierung von Oberbayern und der Sicherheitsgesellschaft am Flughafen München wurde ein Sofortmaßnahmenpaket zur Entlastung und Entzerrung der zentralen Sicherheitskontrolle im Terminal 2 festgelegt.“
Ich hoffe, dass ich Ihre Fragen hiermit zufriedenstellend beantworten konnte.