Nutzung von illegalen Substanzen bei suchterkrankten Menschen in München
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Marie Burneleit, Stefan Jagel, Thomas Lechner und Brigitte Wolf (Die Linke / Die PARTEI Stadtratsfraktion) vom 28.2.2025
Antwort Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek:
Ihrer Anfrage liegt folgender Sachverhalt zu Grunde:
Im Zuge der aktuellen Entwicklungen in der Suchtprävention möchten Sie Informationen über die Nutzung illegaler Substanzen von Menschen mit Suchterkrankungen in München. Das Konsumverhalten und die illegalen Substanzen, die genutzt werden, ändern sich ständig. Das ist sowohl für Fachkräfte in der Suchtberatung als auch für politische Entscheidungsträger von großer Bedeutung. Nur mit einem klaren Verständnis der aktuellen Lage können passende Maßnahmen zur Prävention, Behandlung und Unterstützung der Betroffenen entwickelt werden. Vor allem im Hinblick auf die gesellschaftlichen Veränderungen und die steigende Verbreitung neuer illegaler Substanzen ist es wichtig, gut informiert zu sein. So kann sichergestellt werden, dass die Hilfsangebote in München den echten Bedürfnissen der Menschen gerecht werden und schnell auf neue Trends reagiert wird.
Herr Oberbürgermeister Reiter hat mir Ihre Anfrage zur Beantwortung zugeleitet.
Zunächst bedanke ich mich für die gewährte Fristverlängerung. Die einzelnen Punkte Ihrer Anfrage kann ich wie folgt beantworten:
Frage 1:
Welche illegalen Substanzen werden aktuell von Menschen mit Suchterkrankungen in München genutzt?
Antwort:
Für München liegen keine spezifischen Untersuchungen über die von suchtkranken Menschen konsumierten Substanzen vor. Um eine Einschätzung über die Verbreitung einzelner illegaler Suchtmittel zu erhalten, kann auf bundesweite Untersuchungen und auf Daten der Einrichtungen der Suchthilfe in München zurückgegriffen werden.
Die Deutsche Suchthilfestatistik (DSHS) erfasst und dokumentiert die Inanspruchnahme der Suchthilfe in Deutschland. Sie beinhaltet neben Informationen über die Anzahl der Klient*innen und deren demografischen Merkmalen auch die Art der behandelten Suchterkrankungen. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich die in der DSHS abgebildeten Daten nicht grundlegend von den Verhältnissen in München unterscheiden.
Im Jahr 2023 war laut DSHS unter den Klient*innen, die ambulante Einrichtungen der Suchthilfe aufgrund einer Abhängigkeit von illegalen Suchtmittel aufsuchten, Opioidabhängigkeit die häufigste Diagnose. Unter Opioiden werden in der DSHS neben Heroin auch Substitutionsmittel erfasst. Zu etwa gleichen Anteilen wurde eine Abhängigkeit von Stimulanzien (Amphetamine, Methamphetamine) und Kokain festgestellt. Weitere illegale Substanzen wie Crack, NPS, Ketamin, MDMA u.a. werden in der DSHS als „andere psychotrope Substanzen“ erfasst. Ihr Anteilswert entspricht zusammengenommen in etwa dem von Stimulanzien und Kokain.
Der Bezirk Oberbayern erfasst die Nutzungsdaten der Suchtberatungsstellen in München. Auch hier ist bei den illegalen Suchtmitteln eine Opioidabhängigkeit (inkl. Substitutionsmittel) der häufigste Grund für das Aufsuchen einer Beratungsstelle. Es folgen Stimulanzien und Kokain. Wie in der Auswertung der DSHS werden auch hier die meisten weiteren illegalen Substanzen als „andere psychotrope Substanzen“ zusammengefasst, die in ihrem Umfang in etwa dem von Stimulanzien und Kokain entspricht.
In München führt der Drogennotdienst L43 seit 2019 eine jährliche Konsummusterbefragung bei den Besucher*innen der Einrichtung durch. Der Drogennotdienst L43 umfasst einen Kontaktladen, eine Notschlafstelle sowie eine 24-Stunden-Beratung und wird aufgrund der konzeptionellen Ausrichtung und der Lage im Bahnhofsviertel vorrangig von Menschen mit einer langjährigen Suchterkrankung und weiteren multiplen Problemlagen aufgesucht. Deren Konsumverhalten unterscheidet sich daher in Teilen von den anderen suchtkranken Menschen. Die Befragung liefert aber wichtige Hinweise auf den Substanzkonsum einer besonders belasteten Bevölkerungsgruppe.
Die illegalen Substanzen, die von den Befragten am häufigsten angegeben wurden, waren Kokain, Heroin und Crack. In geringerem Umfang wurden neue psychoaktive Substanzen (NPS) wie die sog. Badesalze (synthetische, hauptsächlich amphetaminartige Substanzen), Amphetamine und synthetische Cannabinoide genannt. Neben den illegalen Substanzen werden häufig zusätzlich Alkohol, Cannabis und Medikamente wie Pregabalin und Benzodiazepine konsumiert.
Frage 2:
Wie hat sich der Konsum der illegalen Substanzen in den vergangenen 10 Jahren verändert? Bitte in einer Grafik die Veränderung des Konsums der einzelnen illegalen Substanzen darstellen!
Antwort:
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Anhand der Daten der DSHS zur Diagnosehäufigkeit in den ambulanten Einrichtungen zeigt sich über die letzten neun Jahre ein Rückgang bei der Opioidabhängigkeit bei einem gleichzeitigen Anstieg von Kokainkonsum. Ebenfalls ist eine Zunahme für die Gruppe der anderen psychotropen Substanzen zu erkennen. Es ist davon auszugehen, dass es sich dabei nicht um neue Diagnosen handelt, sondern dass sich die Konsumgewohnheiten innerhalb der Gruppe der suchtkranken Menschen verändert haben. Der Konsum von Stimulanzien blieb weitgehend unverändert.
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Auch die Auswertung des Bezirks Oberbayern zeigt einen deutlichen Rückgang bei der Opioidabhängigkeit. Der Anteil der anderen Substanzen bleib weitgehend unverändert. Der Anstieg bei den „anderen psychotropen Substanzen“ im Jahr 2017 ist auf eine Veränderung bei der Erfassung zurückzuführen.
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Die Konsummusterbefragung des Drogennotdienst L43 von Prop e.V. zeigt seit Beginn der Befragung im Jahr 2019 einen Rückgang im Heroinkonsum, während der Konsum von Kokain und Crack zunimmt. Ebenfalls steigt der Konsum von NPS (hier: „Badesalze“). Die Konsummusterbefragung deckt sich somit weitgehend mit den Daten der DSHS.
Frage 3:
Welche Veränderungen konnten in den Corona-Jahren (2020-2022) beobachtet werden?
Antwort:
Nach Angaben der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) wurden durch die Pandemie einige Aspekte des Drogenhandels gestört, die illegalen Märkte zeigten sich aber widerstandsfähig. So blieb der Drogenschmuggel über den Seeweg weitgehend unbeeinträchtigt. Durch Lockdowns und „Social Distancing“ waren die Lieferketten zu den Endverbraucher*innen zunächst unterbrochen. Um dies zu umgehen, wurden neue, kreative Übergabemöglichkeiten entwickelt und der Vertrieb über Internet und Postweg verstärkt.
Die Konsummusterbefragung des Drogennotdienst L43 zeigt, dass der Konsum von Kokain, Stimulanzien und synthetische Cannabinoiden unverändert blieb, während die meisten anderen Substanzen einen leichten Rückgang im ersten Coronajahr (2020) verzeichnen. Bereits in der Befragung 2021 war dieser Rückgang jedoch nicht mehr zu beobachten.
Die Einrichtungen der Suchthilfe in München beobachteten zu Beginn der Pandemie bei opioidabhängigen Menschen eine verstärkte Nachfrage nach Substitutionsbehandlung aus Angst vor Versorgungsengpässen, die aber nicht in dem angenommenen Umfang eintraten.
Insgesamt waren Menschen mit einer Abhängigkeit von illegalen Substanzen durch die Maßnahmen im Zuge der Coronapandemie stark beeinträchtigt. Aufgrund von Schwierigkeiten sich mit Hygieneartikeln wie Schutzmasken auszustatten oder einen Impftermin zu vereinbaren, erhöhte sich das Risiko einer Covid-19-Infektion. Soziale Kontakte, die oft ausschließlich an Treffpunkten suchtkranker Menschen im öffentlichen Raum oder in Einrichtungen der Suchthilfe stattfinden, konnten nicht aufrechterhalten werden.
Frage 4:
Welche illegalen Substanzen sind in den letzten drei Jahren vermehrt auf dem Markt aufgetaucht, und wie weit sind diese inzwischen verbreitet?
Antwort:
Einrichtung der Suchthilfe in München berichten übereinstimmend, dass Kokain und das aus Kokain hergestellte Crack in den letzten drei Jahren vermehrt angeboten und konsumiert werden. In einer Teilgruppe der suchtkranken Menschen in München scheint Heroin von Kokain als am häufigsten konsumierte illegale Substanz abgelöst zu werden. NPS werden ebenfalls wieder vermehrt konsumiert.
Anders als in anderen westdeutschen Großstädten ist der Konsum von Crack in München weniger stark verbreitet. Die hohe Verfügbarkeit von Kokain in den vergangenen Jahren und der damit verbundene niedrige Schwarzmarktpreis scheinen dabei eine wesentliche Rolle zu spielen.
Frage 5:
Gibt es neue Entwicklungen im Konsumverhalten von Suchtkranken, die in den letzten Jahren beobachtet wurden (z.B. neue illegale Substanzen oder veränderte Konsummuster)?
Antwort:
Der vermehrte Konsum von Crack in München führt zu einem Anstieg der Ausgabe von Crackpfeifen als Safer-Use Utensilien durch die Kontaktläden. Einrichtungen der Suchthilfe berichten, dass in diesen Crackpfeifen auch vermehrt NPS konsumiert werden und der intravenöse Konsum dieser Substanzen rückläufig ist, der in der Vergangenheit zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden geführt hat.
Der gestiegene Crackkonsum führt auch zu einem häufigeren offenen Konsum auf den Straßen, in Hinterhöfen oder hinter geparkten Autos. Die unmittelbar eintretende und sehr kurze Wirkung von Crack und das darauffolgende starke Verlangen nach erneutem Konsum veranlasst Crackkonsumierende sofort weiter zu konsumieren, ohne sich dazu erst an einen uneinsehbaren Ort zurückzuziehen. Zudem ermöglicht das Rauchen einen schnellen und vergleichsweise unauffälligen Konsum ohne Vorbereitungszeit, wie es bei Injektion oder Schnupfen erforderlich wäre.
Zugleich führt der Anstieg des Konsums von Kokain zu einer höheren Nachfrage nach Spritzenutensilien für den intravenösen Kokainkonsum. Die im Vergleich zu Heroin kürzere Wirkungsdauer von Kokain hat einen häufigeren Konsum zur Folge. Um Infektionen durch intravenösen Drogenkonsum zu vermeiden, wird Kokainkonsumierenden empfohlen, für jeden Konsumvorgang eine neue Spritze zu verwenden. Das erhöht die Ausgabe von sterilen Injektionsmaterialien durch die Suchthilfe.
Frage 6:
Welche Maßnahmen werden ergriffen, um den veränderten Gebrauch illegaler Substanzen zu überwachen und Menschen mit Suchterkrankungen besser zu unterstützen?
Antwort:
Um Veränderungen beim Konsum illegaler Suchtmittel zu erfassen und Hilfen für Suchterkrankte anzupassen, tauschen sich das Gesundheitsreferat und die Einrichtungen der Suchthilfe regelmäßig in Fachgesprächen und Gremien wie dem Arbeitskreis Sucht sowie weiteren Facharbeitskreisen der Suchthilfe aus.
Das Gesundheitsreferat prüft derzeit die Entwicklung eines Frühwarnsystems für neue Entwicklungen beim Konsum von Suchtmitteln in München, angelehnt an das bundesweite Pilotprojekt „Nationales Early Warning System“ des Instituts für Therapieforschung. Dabei sollen in Kooperation mit den Einrichtungen der Suchthilfe, der Polizei sowie Kooperationspartner*innen aus Wissenschaft und Forschung Daten erhoben und ausgewertet werden, um Veränderungen beim Substanzkonsum frühzeitig zu erfassen und diese Informationen der Münchner Suchthilfe zur Verfügung zu stellen.
Zudem entwickelt eine Arbeitsgruppe des Arbeitskreises Jugend und Sucht unter Federführung des Gesundheitsreferats ein Verfahren zum Monitoring suchtgefährdeter Jugendlicher in den Einrichtungen der Suchthilfe und der Jugendhilfe, um Veränderungen innerhalb dieser Zielgruppe schnell zu erkennen.