Nachbarschaftreffs optimal nutzen
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Alexandra Gaßmann, Heike Kainz und Rudolf Schabl (Stadtratsfraktion der CSU mit FREIE WÄHLER) vom 2.5.2024
Antwort Sozialreferentin Dorothee Schiwy:
Vielen Dank für Ihre Nachfrage zur vertieften Auswertung der Rückmeldungen zur Nutzung und Zielgruppenarbeit in den Nachbarschaftstreffs der Landeshauptstadt München.
Gerne übermitteln wir Ihnen nachfolgend die aktualisierte Auswertung sowie weiterführende Erläuterungen. Bitte entschuldigen Sie die Verzögerung bei der Beantwortung Ihrer Nachfrage vom 30.7.2024.
In der Zwischenzeit fand ein Austausch mit Frau Stadträtin Gaßmann, der Fachsteuerung für Angebote im Sozialraum sowie den Trägersprecherinnen der Nachbarschaftstreffs statt.
Zudem wurde im Rahmen der Bearbeitung eine umfangreiche schriftliche Abfrage bei allen Nachbarschaftstreffs in München durchgeführt, um eine fundierte und differenzierte Rückmeldung zu ermöglichen
1. Auslastung und Raumnutzung
Bis zum Stichtag 17.6.2025 haben 55 Nachbarschaftstreffs eine Rückmeldung zur Raumnutzung übermittelt. Die erhobenen Daten umfassen:
- Anzahl und Größe der Gruppenräume
- Öffnungszeiten an Werktagen und Wochenenden
- Angabe zur Gesamtauslastung sowie Differenzierung in regelmäßige und einmalige Nutzung
- Zeitfenster mit aktuell freien Kapazitäten
Da sich die Nutzungssituation lokal unterschiedlich gestaltet, wird auf eine pauschale stadtweite Durchschnittsbildung verzichtet. Zur größtmöglichen Transparenz ist die vollständige tabellarische Auswertung mit allen Rückmeldungen diesem Schreiben als Anlage beigefügt (siehe unter https://risi.muenchen.de/risi/dokument/v/9202021)
Eine vollständige Auslastung ist nicht realisierbar, da Wechselzeiten zwischen den Nutzungen und ggf. für Reinigung erforderlich sind und freie Zeitfenster für neue Aktivitäten freigehalten werden müssen. Freie Kapazitäten können direkt bei den jeweiligen Nachbarschaftstreffs angefragt werden. Die Kontaktdaten sind der Übersicht zu entnehmen. Zusätzlich werden die Treffleitungen ihre Anfragemöglichkeiten über die Website der Förderstelle für Bürgerschaftliches Engagement (FöBE) künftig verstärkt sichtbar machen.Die Nutzung der Räumlichkeiten für Ferienprogramme erwies sich bislang mitunter als herausfordernd – insbesondere aufgrund von Überschneidungen mit laufenden Gruppenangeboten oder eingeschränkten Küchenkapazitäten (Anforderung der Ferienprogramme). Dennoch ist eine Nutzung während der Ferien grundsätzlich möglich, sofern mit bestehenden Gruppen abgestimmt und deren Bedarfe berücksichtigt werden.
2. Aufschlüsselung nach Zielgruppen
Im Rahmen der Abfrage wurden die Einrichtungen ebenfalls gebeten, ihre Angebote in Bezug auf verschiedene Zielgruppen einzuschätzen. Auch diese Rückmeldungen sind Bestandteil der vollständigen Übersicht und bieten eine transparente Darstellung, welche Gruppen im jeweiligen Nachbarschaftstreff konkret angesprochen werden.
Bitte beachten Sie, dass die Angaben auf Selbsteinschätzungen der Einrichtungen beruhen und sich auf Angebotsformate, nicht auf Teilnahmestatistiken beziehen.
Zum Kriterium „Migrationshintergrund“:
Dieses kann im Rahmen der Abfrage nicht verlässlich erhoben werden. Nach der Definition des Stadtratsbeschlusses (Sitzungsvorlage Nr. 08-14/V 02715 vom 7.10.2009) liegt ein Migrationshintergrund vor, wenn mindestens ein Elternteil nach 1955 in das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewandert ist.
Diese Information lässt sich ausschließlich über einen Auszug aus der Einwohnermeldedatei oder über Einzelbefragungen ermitteln. Beides wäre mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden – insbesondere für die ehrenamtlich Tätigen in den Nachbarschaftstreffs.
Eine Einschätzung auf Basis äußerlicher Merkmale („Inaugenscheinnahme“) ist methodisch unzulässig und könnte unbeabsichtigt rassistische Zuschreibungen fördern. Aus fachlichen und ethischen Gründen wurde daher auf eine Erhebung verzichtet.
3. Zusammenarbeit mit bestehenden Organisationen
Viele Einrichtungen kooperieren mit bestehenden städtischen und zivilgesellschaftlichen Strukturen, insbesondere:
- Senioren-, Behinderten- und Migrationsbeirat
- Familienzentren und Träger der Jugendhilfe
- Migrantenorganisationen, Selbsthilfegruppen und interkulturelle Netzwerke
- Sozialbürgerhäuser, kirchliche Einrichtungen und freie TrägerDiese Kooperationen tragen zur effektiven Nutzung vorhandener Kapazitäten und Vermeidung von Doppelstrukturen bei. Zudem machen sie das regionale Netzwerk bekannt, indem wohnortnahe Veranstaltungsorte genutzt werden.
4. Trends und künftige Herausforderungen
In einer Vorabstimmung mit Frau Stadträtin Gaßmann wurde der Wunsch geäußert, die Einschätzungen der Treffleitungen zu aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen gesondert darzustellen. Diesem Anliegen ist das Sozialreferat gerne nachgekommen. Die Rückmeldungen der Nachbarschaftstreffs zeichnen ein vielschichtiges Bild der derzeitigen Lage. Die zentralen Trends und Herausforderungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Trends und künftige Herausforderungen in den Nachbarschaftstreffs
Die Nachbarschaftstreffs verzeichnen stadtweit eine kontinuierlich steigende Nachfrage. Sie sind zu lebendigen, niedrigschwelligen Anlaufstellen geworden, die zunehmend auch präventive und unterstützende Funktionen bei sozialen Problemlagen übernehmen. Besonders hervorzuheben ist der intensive Austausch zwischen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen und altersbezogenen Hintergründen – ein Beitrag zur sozialen Kohäsion in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Mit dem deutlichen Bevölkerungswachstum (u.a. durch Nachverdichtung und Neubaugebiete) steigen die Anforderungen an Raumkapazitäten, Personal und Strukturen. Es zeigt sich ein wachsender Bedarf an Angeboten für junge Familien, Kinder und Jugendliche sowie an interkultureller und intergenerationeller Verständigung.
Gleichzeitig nehmen die Herausforderungen zu: steigende Lebenshaltungskosten, verändertes Ehrenamtsverhalten (Rückgang der Bereitschaft sich längerfristig und verantwortlich zu engagieren hin zu punktueller Beteiligung), zunehmende soziale Ungleichheit, Vereinsamung (insb. bei älteren Menschen) sowie psychosoziale Belastungen erfordern neue Formate, verstärkte fachliche Begleitung und tragfähige Kooperationsstrukturen. Auch die Digitalisierung im Sozialbereich sowie ein anhaltender Fachkräftemangel stellen die Einrichtungen zunehmend vor strukturelle Grenzen. Der Unterstützungsbedarf ist insbesondere in den Bereichen Bildung, Spracherwerb, Teilhabe, kulturelle Angebote, Nachbarschaftshilfe und Familienförderung hoch. Die stabile Finanzierung der Treffs gerät angesichts steigender Kosten (Unterhalt, Personal, Infrastruktur) zunehmend unter Druck.Die Nachbarschaftstreffs benötigen aus Sicht der Treffleitungen daher langfristige Planungssicherheit und ausreichende Ressourcen, um ihre Funktion als integrative Orte im Quartier weiterhin wirksam erfüllen zu können.
Die Einrichtungen reagieren auf diese Entwicklungen mit großer Einsatzbereitschaft, kreativen Angebotsformen und vielfältigen Kooperationen im Sozialraum. Gleichwohl werden strukturelle Grenzen – insbesondere im Hinblick auf Raumkapazitäten, Fachpersonal und langfristige Planbarkeit – zunehmend spürbar.
Ich hoffe, mit dieser ausführlichen Darstellung sowie der beigefügten tabellarischen Übersicht zur Transparenz und Nachvollziehbarkeit beigetragen zu haben.