Die diesjährigen Arbeitsstipendien für Münchner Autor*innen werden an Désirée Opela und Sina Scherzant vergeben. Das beschloss der Feriensenat des Stadrats auf Empfehlung der Jury. Mit den 2015 von der Landeshauptstadt München eingerichteten Arbeitsstipendien werden jährlich Münchner Autor*innen gefördert, die sich mit ihrem Werk bereits literarisch ausgewiesen haben und im Literaturbetrieb in Erscheinung getreten sind. Die Arbeitsstipendien sind mit jeweils 8.000 Euro dotiert und werden für literarische Projekte vergeben; die Autor*innen müssen sich mit ihren Texten selbst bewerben.
Auszüge aus den Begründungen der Jury:
Désirée Opela: „Güstmann“ (Romanprojekt)
„Désirée Opela klassifiziert ihr Romanprojekt im Exposé als eine ‚intime Science-Fiction‘, was mit Blick auf die Datierung seines ‚Spielraums‘ überrascht. Während heutige Politik markante Eckdaten wie die geplante Klimaneutralität ins Übermorgen der 40er Jahre verlegt, siedelt Désirée Opela ‚Güstmann‘ bereits im Jahr 2031 an, von heute an gerechnet also im Morgen einer durchaus überschaubaren zeitlichen Distanz. Und doch scheint der aus der Perspektive der jeweiligen Figuren erzählte Text, sein Personal und dessen Erfahrungen, Gedankengebäude und Bewusstseinslagen aus einer fernen, ja fremden Welt zu kommen. (…) Den Text durchzieht ein Geflecht des Ominösen, Mysteriösen und Rätselhaften: Was hat es mit den ‚Frauen, die verschwinden‘ auf sich, was mit dem ‚tableau‘ oder dem ‚Sozialsektor‘? Welche ‚Substanzen‘ werden mit welchen Absichten und Wirkungen im ‚Labor‘ destilliert? (…) Ein Text, dessen Lektüre auf lohnende Weise irritiert, zuweilen verstört, auch ratlos, gerade deshalb aber vor allem gespannt und neugierig darauf macht, wie und wohin er sich zuletzt entwickeln wird. Besseres lässt sich über ein im Entstehen befindliches Romanprojekt kaum sagen!“
Sina Scherzant: „Ätna“ (Romanprojekt)
„Ein Vulkanausbruch entsteht, wenn der Druck im Inneren des Vulkans durch Magma und Gase zu hoch wird. Wenn es ungesehen in den Tiefen kocht und brodelt, bis es schließlich zur Explosion kommt. Auch im Leben und speziell im Unterleib von Lucia, der Protagonistin von Sina Scherzants neuem Roman, ist ein Kraftwerk zugange, das es nicht gut mit ihr meint. Es wird langsam, aber stetig gefüttert mit Schmerzen, denen die Ärzte außer Hormonen, die wiederum Depressionen verursachen, nichts entgegenzusetzen haben. Es wird angetrieben von der Hilflosigkeit und Fassungslosigkeit ob der undurchschaubaren Systeme und Machthaber*innen, die ungebremst die Welt zerstören und dafür noch mehrheitlich bejubelt werden. Man spürt: Hier steuert alles auf einen Ausbruch hin, der der Zerstörung Pompejis in nichts nachstehen wird. (…) Hand in Hand gehen bei Sina Scherzant immer Form und Inhalt. Die Wut und den Zynismus, den Lucia entwickelt, finden wir in einer soghaften, schnellen Sprache mit atemlos langen Satzgefügen ausgedrückt, in Metaphern so spitz und präzise wie Wespenstiche. Die Erzählstimme schmiegt sich virtuos an das Außen- und Innenleben der Figuren und bedient furchtlos die gesamte Klaviatur der deutschen Sprache. So kann man nicht anders, als den angekündigten Vulkanausbruch mit angehaltenem Atem zu erwarten.“
Der Jury gehörten unter der Leitung von Kulturreferent Marek Wiechers an: Agnes Brunner (C.H. Beck Verlag), Jutta Czeguhn (Süddeutsche Zeitung), Dr. Klaus Hübner (Literatur in Bayern, Münchner Feuilleton), Dr. Johannes John (Bayerische Akademie der Wissenschaften), Franz Xaver Karl (Bayerischer Rundfunk), Pamela Scholz (Glockenbachbuchhandlung) sowie aus dem Stadtrat: Mo Lovis Lüttig und Thomas Niederbühl (beide Fraktion Die Grünen – Rosa Liste – Volt), Andreas Babor und Beatrix Burkhardt (beide Stadtratsfraktion der CSU mit FREIE WÄHLER) sowie Marian Offman (SPD-Fraktion).
Vollständige Jurybegründungen und weitere Informationen unter https://stadt.muenchen.de/infos/arbeitsstipendien-literatur.html.