Runder Tisch „Sternenkinder“ einrichten
Antrag Stadträtinnen Alexandra Gaßmann und Ulrike Grimm (Stadtratsfraktion der CSU mit FREIE WÄHLER) vom 22.11.2024
Antwort Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek:
Sie beantragen, dass die Landeshauptstadt München einen Runden Tisch zur noch größeren Sensibilisierung der städtischen Verwaltung bzw. der städtischen Kliniken im Umgang mit den Angehörigen von Sternenkindern und zur weiter verbesserten Unterstützung dieser Angehörigen einrichten möge. An diesem Runden Tisch sollen neben dem Gesundheitsreferat (GSR) mit den Städtischen Friedhöfen München auch die Geburtskliniken der München Klinik gGmbH (MüK), die Hebammenverbände und -organisationen, der Landesverband „Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister München e.V.“ und die Akutbegleitung „Primi Passi“ beteiligt werden. Ziel des Runden Tisches solle sein, die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteuren zu fördern und gemeinsam Maßnahmen zu entwickeln, die eine noch feinfühligere und noch respektvollere Begleitung der betroffenen Eltern gewährleisten. Als mögliche Aktivitäten schlagen Sie eine Ist-Stand-Analyse mit der Identifikation von Verbesserungspotenzialen und der Entwicklung von Handlungsrichtlinien und Standards vor. Zielgruppen sollen betroffene Eltern sowie das Fachpersonal in Geburtskliniken und anderen relevanten Einrichtungen sein, um insbesondere in den ersten Tagen und Wochen nach dem Verlust die betroffenen Eltern zu unterstützen sowie die öffentliche Diskussion und Bewusstseinsbildung für die Bedürfnisse von Eltern von Tot- und Sternenkindern zu fördern.
Zunächst bedanke ich mich für die gewährte Fristverlängerung.
Ihr Einverständnis vorausgesetzt erlaube ich mir, Ihren Antrag vom 22.11.2024 als Brief zu beantworten und teile Ihnen in Abstimmung mit dem Sozialreferat, der Gleichstellungsstelle für Frauen und der MüK Folgendes mit:
Der Verlust eines Sternenkinds, eines (ungeborenen) Kindes ist für betroffene Familien zumeist eine tiefgreifende und schmerzhafte Erfahrung – ganz unabhängig davon, ob es sich um eine (frühe) Fehl- oder Totgeburt bzw. kleine oder stille Geburt, einen Abbruch nach einer pränatal-medizinischen Diagnose, einen Neugeborenentod oder einen plötzlichen Säuglingstod/frühen Kindstod in den ersten Lebensmonaten handelt. Bei Betroffenen können sich körperliche und psychosoziale Belastungsfaktorenunterschiedlich zeigen. Um die mögliche Entwicklung langfristiger psychischer Folgen wie Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen zu reduzieren, kann eine enge und kontinuierliche Begleitung wertvoll sein. Diese kann durch Psycholog*innen, Trauerbegleitung oder auch Selbsthilfegruppen o.ä. erfolgen.
Das GSR hat sich bereits in der Vergangenheit intensiv mit der Begleitung von Sterneneltern auseinandergesetzt. Im Folgenden werden die bereits umgesetzten Maßnahmen sowie das weitere geplante Vorgehen erläutert.
Das Münchner Sternenkind Netzwerk (MSN) wurde als Projekt des Vereins verwaiste Eltern und Geschwister München e.V. initiiert, um Mütter und Familien nach dem frühen Verlust eines Kindes zu unterstützen. Das MSN zielt, neben der unmittelbaren Unterstützung von Betroffenen durch die Akut- und Trauerbegleitung „Primi Passi“, auch auf die fachliche Vernetzung von Einrichtungen ab, die in verschiedenen Versorgungsfeldern, beispielsweise in Geburtskliniken und in der ambulanten Beratung, in die Begleitung von betroffenen Familien involviert sind. In diesen kooperativen Kontexten ist auch die Entwicklung gemeinsamer Ziele und Handlungsleitlinien in der Versorgung von Sternenkindern und -eltern möglich. Seit 2023 bezuschusst das GSR das MSN.
Im Jahr 2024 wurde durch einen städtischen Zuschuss zusätzlich die Erstellung einer Broschüre über frühe Fehlgeburten durch das Haus der Familie gGmbH ermöglicht. Auch im Jahr 2025 wird ein Zuschuss gewährt, um die Broschüre in weitere Sprachen zu übersetzen. Damit soll sichergestellt werden, dass auch Personen mit geringer ausgeprägten Deutschkenntnissen Informationen und Unterstützungsangebote in dieser vulnerablen Lebensphase erhalten können.
Neben dem MSN erhalten noch weitere Einrichtungen bzw. Projekte, die Frauen mit Fehl- und Totgeburten sowie ihre An- und Zugehörigen unterstützen, Fördermittel, um umfassende Hilfe in dieser sensiblen Phase des Lebens zu gewährleisten. Dazu gehören beispielsweise der Verein verwaiste Eltern und trauernde Geschwister e.V. sowie HebaVaria e.V., welche in gemeinsamer Kooperation die Weiterbildung von 40 Hebammen für die Begleitung im Rahmen einer kleinen Geburt organisierten und so die fachliche Begleitung von Frauen verbesserten. Auch die Staatlich anerkannten Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen bieten Unterstützung und Begleitung an. Die MüK organisiert regelmäßig Gedenkfeiern für die Eltern und Angehörigen von früh verstorbenen Sternenkindern und unterhält ein Schmetterlingsgrab. Auch auf der Internetseite der MüK wird aufdiese sowie weitere Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene in und um München hingewiesen.
Über die Zielsetzung und Inhalte Ihres Antrags wurde mit verschiedenen städtischen Partner*innen gesprochen (Vertreter*innen der Staatlich anerkannten Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen des GSR, des Trauernetzwerks München, der Fachstelle Frau & Gesundheit und Gendermedizin, der Städtischen Friedhöfe München sowie des Hospiz- und Palliativnetzwerks München). Darüber hinaus fanden Gespräche mit dem Landesverband „Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister München e.V.“ und Vertreterinnen der Akutbegleitung „Primi Passi“ und des MSN statt. Das übereinstimmende Ergebnis dieser Gesprächsrunden war, dass es derzeit nicht zielführend ist, einen Runden Tisch „Sternenkinder“ einzurichten. Grund dafür ist die bereits etablierte und wertvolle Netzwerkarbeit des MSN. Eine Doppelstruktur dieser themenbezogenen Netzwerkarbeit sollte im Stadtgebiet vermieden werden. Die Zentrierung und der Austausch in einer bereits bekannten Struktur im Stadtgebiet ermöglicht eine Kontinuität, welche auch angesichts der Personalfluktuation in Kliniken und der ambulanten Geburtshilfe von Bedeutung ist.
Darüber hinaus kann die Begleitung und Unterstützung von Angehörigen von Sternenkindern in bereits existierenden Gremien des GSR aufgegriffen und bearbeitet werden. Ziel dieser Gremien ist die Vermittlung von Grundlagenwissen sowie die Sensibilisierung und verbesserte Koordination der zuständigen Stellen. Die Gremien bieten zudem die Möglichkeit zu Fragen- und Diskussionsrunden sowie zur Vernetzung zwischen Fachkräften und Institutionen in regelmäßigen Abständen. Im Jahr 2025 wurde die Begleitung von Sterneneltern in folgenden Gremien thematisiert:
Das Werkstattgespräch „Beratung und Hilfe für Schwangere und Mütter in Konfliktsituationen“ wird von der Schwangerschaftsberatung des GSR organisiert und adressiert andere Schwangerschaftsberatungsstellen. Das Schwerpunktthema „Sternenkinder“ wurde beim Werkstattgespräch am 31.3.2025 behandelt. Die Leiterin der Sternenkindersprechstunde im Haus der Familie stellte die neu erstellte Broschüre „Frühe Fehlgeburten in den ersten 12 Wochen – für München und Umgebung“ vor. Darüber hinaus wurde die Plattform Sternenkindfamilie (aufrufbar via Website, LinkedIn und Instagram) präsentiert, welche auch explizit auf Angebote in und um München und Informationen sowie Fortbildungen für Fachkräfte verweist.
Ebenso wurde das Thema „Sternenkind“ und die Begleitung von Sterneneltern in der AG Geburtshilfe am 14.5.2025 aufgegriffen. Die AG Ge-burtshilfe wird von der Fachstelle Frau & Gesundheit und Gendermedizin organisiert und adressiert niedergelassene Gynäkolog*innen, Hebammen, Fachpersonal der Münchner Geburtskliniken sowie Hebammenverbände und -organisationen. Es wurde Grundlagenwissen vermittelt und verschiedene Unterstützungsangebote im Stadtgebiet vorgestellt, darunter die Angebote des Vereins verwaister Eltern und trauernder Geschwister e.V. inklusive der Akutbegleitung „Primi Passi“ sowie die neue Broschüre „Frühe Fehlgeburten in den ersten 12 Wochen – für München und Umgebung“. Die Hebammenvermittlungszentrale HebaVaria stellte die Betreuung von Sternenmüttern durch gesondert dafür geschulte Hebammen vor. Die Städtischen Friedhöfe München klärten über das aktuelle Bestattungsrecht in Bayern auf und stellten Gedenkstätten und Gemeinschaftsgrabanlagen für verstorbene Kinder in München vor.
Zusätzlich ist eine Online-Fachveranstaltung mit dem Schwerpunktthema Sternenkinder und die Begleitung von Sterneneltern geplant. Besonders angesprochen bei dieser Veranstaltung sind Fachkräfte aus den Bereichen der Geburtshilfe, der Medizin (nicht ausschließlich, aber insbesondre der Gynäkologie), der Psychologie und der Sozialen Arbeit, welche in Ihrem Berufsalltag mit schwangeren Frauen und Frauen nach Kindsverlust sowie ihren An- und Zugehörigen im Kontakt stehen. Folgende inhaltliche Beiträge sind bisher geplant:
- Vorstellung des Krisendienstes RUF24 der Stiftung ambulantes Kinderhospiz München
- Vorstellung der Angebote des Vereins verwaister Eltern und trauernder Geschwister e.V. (inkl. der Akutbegleitung „Primi Passi“)
- Vorstellen der neuen Broschüre „Frühe Fehlgeburten“
- Vorstellung des Angebots von HebaVaria bzgl. der Betreuung durch extra geschulte Hebammen nach kleiner Geburt
- Informationen zu dem seit 1.6.2025 geltenden gestaffelten Mutterschutz
- Informationen zum Bayerischen Bestattungsrecht und den Münchner Gedenkstätten und Gemeinschaftsgrabanlagen für verstorbene Kinder durch die Städtischen Friedhöfe
- Hinweis auf die Internetplattform Sternenkindfamilie.de als wichtige online Informationsquelle auch für regionale Unterstützungsangebote
Für die in Ihrem Antrag benannte umfangreiche Ist-Stand-Analyse zur aktuellen Versorgungssituation in München, einer Identifikation von Verbesserungspotenzialen und einer Entwicklung von Handlungsrichtlinien sowie Standards für den Umgang mit verwaisten Eltern stehen derzeit keine Kapazitäten zur Verfügung. Das GSR wird diesen Vorschlag aber gerne beigeeigneter Gelegenheit (z.B. Vergabe und Begleitung einer Masterarbeit in Kooperation mit einer Hochschule) aufgreifen.
Das GSR wird auch in Zukunft die sensible Begleitung von Sterneneltern sowie deren An- und Zugehörigen in bestehenden Arbeitskreisen, Arbeitsgruppen sowie Netzwerkveranstaltungen thematisieren. Auf diesem Weg ermöglicht das GSR zusätzlich zu der wertvollen Netzwerkarbeit des MSN den Austausch aktuell agierender und praktizierender Fachkräfte über aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen aus der Versorgungspraxis und der städtischen Versorgungslandschaft. Auch dies dient der regelmäßigen Evaluation und Weiterentwicklung, die für alle Beteiligten mit Blick auf die Betroffenen eine besondere Bedeutung hat.
Um Kenntnisnahme der vorstehenden Ausführungen wird gebeten. Ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit damit abgeschlossen ist.