Zahngesundheit von Kindern
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Michael Dzeba, Alexandra Gaßmann und Ulrike Grimm (Stadtratsfraktion der CSU mit FREIE WÄHLER) vom 8.10.2025
Antwort Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek:
Ihrer Anfrage liegt folgender Sachverhalt zu Grunde:
„Die Zahngesundheit von Kindern hat sich zwar insgesamt verbessert, doch vor allem bei jüngeren Kindern gibt es noch immer eine besorgniser- regend hohe Konzentration an Karies. Die verpflichtende zahnärztliche Un- tersuchung von Kindern ist in München bereits etabliert. Nach der aktuellen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) sind zwar 78 Prozent der 12-jährigen Kinder kariesfrei¹, doch laut den Zahnärztliche Mitteilungen ist rund jedes achte Kita-Kind bereits von Karies betroffen². Besonders alarmierend ist die sogenannte fokussierte Karies, die sich auf circa 20 Prozent der Kinder konzentriert.
Auch die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), auch bekannt als ,Kreidezähne‘, die sich besonders schmerzhaft äußert, betrifft über 15 Pro- zent der 12-Jährigen und erfordert daher eine frühzeitigere Diagnose und Behandlung.“
1 https://www.bzaek.de/ueber-uns/daten-und-zahlen/deutsche-mundgesundheitsstudie-dms.html 2 https://www.zm-online.de/news/detail/niedersachsen-will-zahnaerztliche-vorsorge-in-kitas-zur-pflicht- machen
Herr Oberbürgermeister Reiter hat mir Ihre Anfrage zur Beantwortung zugeleitet.
Die einzelnen Punkte Ihrer Anfrage beantworte ich wie folgt:
Frage 1:
Ist dem Gesundheitsreferat bekannt, wie viele Kinder an Münchens Kin- dertagesstätten, Kindergärten und Schulen standardmäßig Zugang zu zahnärztlicher Versorgung haben?
Antwort:
Zahnmedizinische Gruppenprophylaxe nach §21 SGB V:
In der Landeshauptstadt München erhalten alle Klassen in den Grund- und Förderschulen sowie alle Gruppen in den Kindertageseinrichtungen einmal im Jahr eine altersentsprechende „Motivation und Instruktion zur Zahngesundheit“. Diese zahnmedizinische Gruppenprophylaxe gemäß §21 SGB V wird von der Bayerischen Landesarbeitgemeinschaft Zahngesundheite.V. (LAGZ) in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsreferat (GSR) durchgeführt, das diese Aufgabe als kommunales Gesundheitsamt in München weitgehend übernimmt. Das Ziel der Maßnahme sind der Erhalt und die Förderung der Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen. Zentrale Inhalte sind die aktive Vermittlung einer kindgerechten und effektiven Mundhygiene, Ernährungsbildung und Motivation zur regelmäßigen Kontrolluntersuchung beim Hauszahnarzt. Das Angebot findet vor Ort in den Einrichtungen statt.
Die Zahnärzt*innen und zahnmedizinischen Fachangestellten (ZMFA) des GSR führen an den Schulen und einzelnen Kindertageseinrichtungen, die das Angebot des GSR annehmen, auch zahnmedizinische Reihenuntersuchungen durch, wenn das Einverständnis der Sorgeberechtigten und der Kinder dafür vorliegt. Die Sorgeberechtigten erhalten bei behandlungsbedürftigem Befund eine entsprechende Benachrichtigung. Im Jahr 2024 nahmen 119 Schulen und 11 Kindertageseinrichtungen an dem Untersuchungsangebot teil.
Münchner Kariesprophylaxe-Programm:
Das Münchner Kariesprophylaxe-Programm wurde dem Stadtrat zuletzt am 24.7.2025 im Rahmen der Bekanntgabe „Stärkung des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes in der Landeshauptstadt München“ (Sitzungsvorlage Nr. 20-26/V 16516) vorgestellt. Es ist ein Angebot des GSR für städtische und nicht-städtische Kindertageseinrichtungen.
Das Programm, als Baustein der Gesundheitsvorsorge im Bereich der Kinder- und Jugendzahnpflege, beinhaltet die fachliche Anleitung und das praktische Üben des Zähneputzens mit den Kindern vor Ort in den Kindertageseinrichtungen sowie die Einweisung der Erzieher*innen in die Betreuung des täglichen Zähneputzens. Die derzeit 1.289 teilnehmenden Einrichtungen werden zwei bis drei Mal im Jahr durch die zuständige ZMFA oder Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin besucht. Ernährungslenkung, zahnärztliche Elternabende sowie jährlich drei Schulungen und Fortbildungen für die Erzieher*innen sind weitere wichtige Bestandteile des Programms.
Das Münchner Kariesprophylaxe-Programm wird in Kooperation mit der AOK durchgeführt.
Ambulante zahnmedizinische Versorgung von Kindern:
Gesetzlich Versicherte haben Anspruch auf zwei zahnärztliche Vorsorgeuntersuchungen pro Jahr, die Kosten werden von den Krankenkassen vollständig übernommen. Bereits ab dem Durchbruch der ersten Milchzähne (ca. ab dem 6. Lebensmonat) wird empfohlen, mit der zahnärztlichen Kontrolle zu beginnen.Zusätzlich haben gesetzlich krankenversicherte Kinder im Alter von 2½ bis 6 Jahren Anspruch auf sechs zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen. Ab 2026 werden diese Untersuchungen auch im Kindervorsorgeheft („Gelbes Heft“) zusammen mit den „U-Untersuchungen“ dokumentiert werden. Für Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 17 Jahren gibt es ein spezielles Programm der Individualprophylaxe, das auf die gezielte Vorbeugung von Zahnerkrankungen ausgerichtet ist. Es beinhaltet halbjährliche zahnärztliche Untersuchungen, Aufklärung über richtige Mundhygiene und Ernährung, professionelle Zahnreinigung, Fluoridierung der Zähne und bei Bedarf die Fissurenversiegelung der Backenzähne. Die Fissurenversiegelung ist eine prophylaktische Maßnahme, bei der die Rillen der bleibenden Backenzähne – meist bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 12 Jahren – mit einem schützenden Kunststofflack gegen Karies versiegelt werden.
Alle Kinder haben in München somit grundsätzlich flächendeckend Zugang zur zahnmedizinischen Versorgung. Die Verantwortung für die Wahrnehmung der empfohlenen Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen liegt bei den Sorgeberechtigten.
Frage 2:
Wie hoch ist der Anteil der Münchner Kinder, die über den öffentlichen Gesundheitsdienst im vergangenen Jahr eine Zahnuntersuchung erhalten haben? An wie vielen Kitas in München wurden diese durchgeführt (bitte in absoluten Zahlen und als Anteil an der Gesamtzahl)?
Antwort:
Im Rahmen des Kariesprophylaxe-Programms wurden im Jahr 2024 ca. 62.000 Kinder in 1.289 Einrichtungen erreicht. In der Landeshauptstadt München gibt es aktuell ca. 1.550 Kindertageseinrichtungen.
Das GSR führt seit 2006 keine flächendeckenden zahnärztlichen Reihenuntersuchungen mehr in allen Kindertageseinrichtungen, Grund- und Förderschulen in München durch. Der Schwerpunkt des Angebotes vom GSR für zahnärztliche Reihenuntersuchungen liegt auf Grundschulen mit erhöhter Kariesprävalenz und auf Förderschulen.
In einzelnen Kindertageseinrichtungen werden auf Wunsch der Einrichtungsleitung weiterhin zahnärztliche Untersuchungen angeboten.
Ca. 75% der vom GSR im Rahmen der zahnmedizinischen Gruppenpro-
phylaxe nach §21 SGB V betreuten Schulen nahmen im Jahr 2024 das Angebot der Reihenuntersuchung an. Es wurden 21.049 Kinder an 89Grundschulen und 2.346 Kinder an 30 Förderschulen vor Ort in den Schulen zahnärztlich untersucht.
Das GSR bietet auch zahnärztliche Reihenuntersuchungen in Kindertageseinrichtungen mit erhöhter Kariesprävalenz an. Im Jahr 2024 nahmen 11 Kindertageseinrichtungen das Angebot des GSR an (ca. 0,71% von aktuell insgesamt ca. 1.550 Kindertageseinrichtungen in München). In diesen Einrichtungen wurden 567 Kinder zahnärztlich untersucht.
Frage 3:
Wie hat sich der Anteil der Kita-, Vorschul- und Grundschulkinder mit Kari- esbefall in München seit dem Jahr 2021 entwickelt?
Antwort:
In der Landeshauptstadt München werden keine flächendeckenden zahn-ärztlichen Reihenuntersuchungen in Schulen und Kindertageseinrichtungen durchgeführt. Dem GSR liegen damit keine repräsentativen Zahngesundheitsdaten für Kinder in der Landeshauptstadt München vor.
Das GSR erhebt Daten zur Entwicklung der Kariesprävalenz im Rahmen der eigenen zahnärztlichen Reihenuntersuchungen. Da diese mit Schwerpunkt in Einrichtungen mit erhöhter Kariesprävalenz durchgeführt werden, geben sie nicht den Durchschnitt für die Landeshauptstadt München wieder.
Im Jahr 2021 wurden aufgrund der Corona-Pandemie keine zahnärztlichen Reihenuntersuchungen durchgeführt. Diese wurden sukzessive ab dem Jahr 2022 wieder aufgenommen und ab 2023 wieder im vorgesehenen
Umfang durchgeführt. Die Entwicklung kann anhand der GSR-internen Datenerhebung somit für den Zeitraum Januar 2023 bis August 2025 dargestellt werden.
In den Grundschulen (mit erhöhter Kariesprävalenz) betrug der Anteil an Kindern mit unbehandeltem Kariesbefund an bleibenden Zähnen in 2023 3,08%, in 2024 3,67% und in 2025 (Januar-August) 3,49%.
In den Förderschulen betrug der Anteil an Kindern mit unbehandeltem Kariesbefund an bleibenden Zähnen in 2023 5,58%, in 2024 5,33% und in 2025 (Januar-August) 6,69%.In den Kindertageseinrichtungen (mit erhöhter Kariesprävalenz) betrug der Anteil an Kindern mit unbehandeltem Kariesbefund an Milchzähnen in 2023 14,15%, in 2024 14,46% und in 2025 (Januar-August) 15,66%.
Darüber hinausgehende Daten zur Kariesprävalenz bei Kindern sind für München nicht vorhanden.
Im Gesundheitsreport Bayern zur Mundgesundheit von 03/2022 werden Ergebnisse der Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe aus den Jahren 2004, 2009 und 2016 für Deutschland dargestellt. Im Jahr 2016 lag bei 14% der in Kindertageseinrichtungen untersuchten 3-jährigen Kinder Karies vor. Im Durchschnitt waren drei bis vier Zähne kariös, 73% der Zähne waren nicht versorgt. Die Ergebnisse für Deutschland zeigten zu diesem Zeitpunkt, dass bereits bei 3-Jährigen die große Mehrheit zahngesund war, während eine kleinere Gruppe eine hohe Karieslast auf sich vereinigte.
Auch wenn keine entsprechenden Daten für Bayern und München vorliegen, ist davon auszugehen, dass auch hier eine entsprechende ungleiche Verteilung vorliegt. Dies ist die Grundlage für die Entscheidung des GSR, das intensivierte zahnmedizinische Angebot mit Schwerpunkt in Einrichtungen durchzuführen, in denen eine hohe Kariesprävalenz vorliegt.
Durch die Fokussierung auf Einrichtungen mit hoher Kariesprävalenz wird eine effektivere und ressourcenschonendere Gesundheitsförderung ermöglicht. Dies trägt dazu bei, gesundheitliche Ungleichheiten zu reduzieren und besonders vulnerable Gruppen – wie Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder mit eingeschränktem Zugang zu zahnärztlicher Versorgung - gezielt zu erreichen.