Invasive Neophyten machen sich breit – Wie geht München damit um?
Anfrage Stadtrats-Mitglieder Sonja Haider, Dirk Höpner, Nicola Holtmann und Tobias Ruff (Fraktion ÖDP/München-Liste) vom 18.6.2025
Antwort Christine Kugler, Referat für Klima- und Umweltschutz:
Herr Oberbürgermeister Reiter hat mir Ihre Anfrage zur Beantwortung zugeleitet.
Zunächst bedanke ich mich für die gewährte Fristverlängerung.
Ihrer Anfrage liegt folgender Sachverhalt zu Grunde:
Auch in München machen sich invasive Neophyten breit, die mit einheimischen Pflanzen konkurrieren und die Artenvielfalt gefährden. Um dem Artenschwund entgegenzuwirken, hat die Schweizer Stadt Schaffhausen ein Projekt initiiert, bei dem die Bürger*innen spezielle Neo- phytensäcke kostenlos zur korrekten Entsorgung invasiver Pflanzen über die reguläre Müllabfuhr erhalten können. Begleitende Informationsmaterialien erklären die richtige Entfernung und Erkennung der Pflanzen. Dieses Projekt fördert niedrigschwellig die Beteiligung der Bevölkerung, sensibi- lisiert für das Problem und kann effektiv zur Eindämmung invasiver Arten beitragen.
Die darin aufgeworfenen Fragen beantworte ich unter Berücksichtigung der Stellungnahmen des Kommunalreferates/Abfallwirtschaftsbetrieb München und des Baureferates/HA Gartenbau wie folgt:
Frage 1:
Wie bewertet die Stadt München die aktuelle Ausbreitung invasiver Neophyten im Stadtgebiet?
Antwort:
Invasive Neophyten sind auch in München verbreitet und bedeuten stellenweise eine Bedrohung für artenreiche Lebensräume und Artvorkommen. Im Sinne der Beantwortung Ihrer Anfrage fallen für das Gebiet der LH München unter die invasiven Neophyten folgende Arten, die im Münchner Stadtgebiet vorrangig auftauchen und deren Management für den Erhalt wertgebender Lebensräume Herausforderungen mit sich bringen:
- Japanischer Staudenknöterich (Fallopia japonica)
- Goldrute (Solidago spec.)
- Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum)
- Orientalisches Zackenschötchen (Bunias orientalis)
Die aktuelle Ausbreitung dieser Pflanzen wurde als Beibeobachtung im Rahmen der vorbereitenden Kartierungen für die Flächenkulisse Biodiversität selektiv (Hauptausbreitungsachsen wie bspw. große Verkehrswege) miterfasst. Zusätzlich werden regelmäßig die einschlägigen Meldeplattformen ausgewertet (s. Abb. 1).
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Abbildung 1: Verbreitung der invasiven Neophyten in München gemäß den Daten der Mel- deplattformen iNaturalist und observation.org zum Stand Winter 2024/2025. Quelle Luftbild: Geodatenpool der LHM – © Landeshauptstadt München 2025 Luftbild 2023: © Landeshauptstadt München – Kommunalreferat – GeodatenService Quellen Datenpunkte:
- https://www.inaturalist.org/ (zuletzt aufgerufen am: 26.9.2024)
- https://observation.org (zuletzt aufgerufen am: 1.10.2024)
Frage 2:
Gibt es bereits ein systematisches städtisches Vorgehen zur Eindämmung dieser Arten?
Antwort:
Eines der Handlungsfelder der Biodiversitätsstrategie München ist die Bekämpfung invasiver Arten, sofern sie eine Bedrohung für die artenreichen Lebensräume und Artvorkommen im Stadtgebiet München darstellen. Rechtlich müssen nur diejenigen Arten bekämpft werden, für die dies aufgrund europarechtlicher und bundesrechtlicher Vorschriften geboten ist (https://www.bfn.de/gefaesspflanzen, zuletzt aufgerufen am 30.10.2025).
Die zuständigen Referate sind für das Thema sensibilisiert und dämmen in ihrem Zuständigkeitsbereich invasive Neophyten ein. Bei der Neophyten-Eindämmung gilt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit: So werden aus Kapazitätsgründen vorrangig an prioritär erachteten Standorten invasive Neophyten bekämpft. Die Priorisierung orientiert sich an der ökologischen Wertigkeit der Fläche, der Lage im Biotopverbund bzw. an Hauptverbreitungsachsen, dem Gefährdungspotential für Gesundheit und Ökologie und an Entwicklungschancen und -zielen des jeweiligen Standorts.
Das Baureferat HA, Gartenbau, teilt hierzu weiter mit:
Auf öffentlichen Grünflächen werden Neophyten im Rahmen des Grünflächenunterhalts erkannt und im Rahmen der verfügbaren Ressourcen durch Abmähen bekämpft. Durch die regelmäßige Pflege der öffentlichen Grün- und Erholungsanlagen ist auf diesen Flächen keine größere Problemlage durch Neophyten festzustellen.
Auf Ausgleichsflächen gehören zu den problematischen nicht einheimischen Arten in erster Linie der Japanische Staudenknöterich (Fallopia japonica), gebietsweise seit einigen Jahren das Orientalische Zackenschötchen (Bunias orientalis), verbreitet Goldrute (Solidago canadensis) sowie vereinzelt Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum).
Kleine, junge Bestände des Japanischen Staudenknöterichs werden ausgegraben, wobei darauf geachtet wird, dass wirklich alle Wurzelteile entfernt werden. Größere Bestände, die nicht mehr ausgegraben werden können, werden möglichst häufig gemäht. Die abgemähten Pflanzenteile werden sofort abtransportiert und thermisch entsorgt.
Das Orientalische Zackenschötchen bildet in einzelnen Ausgleichsflächen flächendeckende Bestände. Diese Bestände werden mehrfach gemäht, wobei besonders darauf geachtet wird, dass die Mahd zur Zeit der Blütenbildung vor der Samenreife stattfindet, damit keine Aussamung erfolgt und die Pflanzen maximal geschwächt werden. Einzelpflanzen werden, soweit möglich, ausgegraben.
Goldrute wächst u.a. auf Wiesen und Magerrasen. Die Bestände werden durch häufige Mahd reduziert.
Riesen-Bärenklau kommt hauptsächlich in Wiesen und Staudenfluren vor. Soweit möglich, werden die Pflanzen ausgegraben, sonst erfolgt ein Rückschnitt vor der Blüte.
Frage 3:
Wie wird die Bevölkerung derzeit über invasive Neophyten und deren richtige Entfernung und Entsorgung informiert?
Antwort:
Auch Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit sind Handlungsfelder der Biodiversitätsstrategie. Über von der Stadt geförderte Umweltbildungsinitiativen, die u.a. bei Verbänden wie dem LBV und dem BN umgesetzt werden, werden invasive Neophyten regelmäßig mitbehandelt und über eine fachgerechte Entsorgung informiert.
Auf Nachfrage werden von der Stadt Informationen weitergegeben bzw. auf vorhandene Informationsmöglichkeiten hingewiesen:
- https://www.bfn.de/gefaesspflanzen
- https://www.lfu.bayern.de/natur/neobiota/invasive_arten/index.htm
- https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/artenschutz/invasive-arten/uni- onsliste.html,
jeweils zuletzt aufgerufen am 30.10.2025
Das Kommunalreferat/Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) teilt hierzu weiter mit:
Den Regelungen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes folgend, führt der AWM regelmäßig stadtweite Informationskampagnen rund um die Abfalltrennung und Abfallvermeidung durch. Jedoch zählt die Aufklärung der Bevölkerung zu invasiven Neophyten nicht zum Kompetenz- und Aufgabenbereich des AWM, deshalb sind diesbezüglich auch keine Initiativen seitens des AWM geplant. Sollten die zuständigen Stellen der Landeshauptstadt konkrete Entsorgungshinweise für solche Pflanzenarten entwickeln, ist der AWM gerne bereit, diese auf seinen Kanälen zu veröffentlichen. Das setzt allerdings voraus, dass die Münchner*innen diese Pflanzen auch eindeutig identifizieren können.
Frage 4:
Wäre ein niedrigschwelliges Mitmachangebot wie die Einführung kostenloser Neophytensäcke, wie in Schaffhausen praktiziert, auch in München denkbar?
Antwort:
Nach ausführlicher Recherche und Austausch mit den Verantwortlichen des Schweizer Kanton Thurgau können folgende Vor- und Nachteile der Einführung von Neophytensäcken festgehalten werden:
Vorteile:
- Sensibilisierung der Bevölkerung für die Thematik der invasiven Arten -Partizipation der Bevölkerung
- Evtl. lokale Eindämmung von NeophytenNachteile:
- Mehraufwand und Mehrkosten
- Ökologisch nicht sinnvolle Verbrennung von biogenem Material, das somit dem ökologischen Kreislauf entnommen wird
- Gefahr der zusätzlichen Verbreitung durch ggf. nicht fachgerechte Entsorgung, insbesondere beim japanischen Staudenknöterich, der sich bereits über kurze Rhizomstücke auf neuen Flächen etablieren und damit weiterverbreiten kann
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Neophytensäcke in der Schweiz von den Kommunen und Kantonen unterschiedlich bewertet werden. Ausschlaggebend für die Beurteilung sind vor allem der zusätzliche Kostenaufwand sowie die für die Umsetzung erforderliche zusätzliche Logistik.
Für die Schweizer Bürger*innen bieten die Neophytensäcke eine direkte Kostenersparung bei der Entsorgung, da die Entsorgung ansonsten die privaten Müllgebühren belastet. Dies ist im Unterschied zur LH München, die Ihren Bürger*innen durch die Bereitstellung der braunen Tonne einen kostenlosen Entsorgungsweg bereitstellt, über den das organische Material zudem im Sinne der Kreislaufwirtschaft erhalten bleibt (s. auch Antwort zu Frage 5).
Das Kommunalreferat/Abfallwirtschaftsbetrieb München teilt hierzu weiter mit:
Bisher ist die Thematik der eingeführten Pflanzen, die heimische Arten verdrängen oder schädigen könnten, nicht als relevantes Thema der Münchner Bürger*innen, die u.a. die Wertstoffhöfe besuchen, aufgefallen. Wir sehen im Moment keinen Bedarf und auch keine konkreten Anforderungen in München, um kostenlose Neophytensäcke zu verteilen.
Das Baureferat, HA Gartenbau, teilt hierzu weiter mit:
Auf öffentlichen Grünflächen ist keine größere Problemlage durch die Ausbreitung von Neophyten festzustellen. Durch die regelmäßig stattfindende Pflege wird die Ausbreitung von invasiven Arten gezielt zurückgedrängt. Ein Mitmachangebot zur Neophyten-Bekämpfung ist aus oben genannten Gründen nicht erforderlich.
Das Verteilen von kostenlosen Neophytensäcken würde zu einem erhöhten logistischen und monetären Aufwand führen, der gegenüber der bisherigen Praxis keinen Vorteil ergeben würde.
Städtische Ausgleichsflächen in der Zuständigkeit des Baureferates, HA Gartenbau, werden durch den Gartenbau gepflegt. Daher ist es grundsätzlich nicht erforderlich oder erwünscht, dass von privater Seite Pflanzenoder Pflanzenteile, auch wenn es sich um Neophyten handelt, entfernt werden.
Frage 5:
Wie wird mit Grüngutabfällen in der Biotonne oder auf den Wertstoffhöfen umgegangen, um sicherzustellen, dass sich die Neophyten nicht weiterverbreiten können?
Antwort:
Das Kommunalreferat/Abfallwirtschaftsbetrieb München teilt hierzu mit: Neophyten und deren Samen werden, sofern sie in der Biotonne enthalten sind, in der Hygienisierung in der Intensivrotte der Kompostierung abgetötet und stellen somit keine Gefahr mehr dar. Bei der Hygienisierung werden durch die Eigenwärmeproduktion der Mikroorganismen über mehrere Tage 60°C und mehr erreicht, was weder Keime noch Saatgut überleben. Der AWM kann mit Temperatursonden und weiteren betrieblichen Maßnahmen sicherstellen, dass die Hygienisierung, wie in der Bioabfallverordnung gefordert, abläuft. Des Weiteren finden Untersuchungen des fertigen Kompostes statt, in dem entsprechende Samen nicht enthalten sein dürfen. Auch diese Kriterien werden erfüllt. Dadurch kann der AWM mit den Münchner Erden zertifizierte Qualitätskomposte anbieten, die frei von Neophyten sind. Auch die Grüngutabfälle aus den Wertstoffhöfen werden einer vergleichbaren stofflichen Verwertung zugeführt. Die Recycling- und Entsorgungspartner stellen dabei sicher, dass analog zur AWM-eigenen Anlage alle notwendigen Auflagen und gesetzlichen Vorgaben beachtet werden.
Fazit:
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit den in München bestehenden Strukturen über die braune Tonne und der fachgerechten Kompostierung ein wirksamer Entsorgungsweg besteht, der neben der Unschädlichmachung von Neophyten auch dafür sorgt, dass biogenes Material im Kreislauf verbleibt. Ferner besteht im Bereich des öffentlichen Grüns seitens des Baureferats kein Bedarf, dass von privater Seite Maßnahmen ergriffen werden.
Das Potential von Neophytensäcken, das v.a. in der Sensibilisierung der Bevölkerung gesehen wird, kann im Rahmen von gezielten Veranstaltungen (z.B. Ramadama oder Umweltbildungsveranstaltungen) durchaus interessant sein, wird aber aufgrund der aktuellen Haushaltssituation nicht weiterverfolgt.Eine effektive und nachhaltige Rückdrängung von invasiven Arten ist vielerorts nur durch koordinierte Aktionen und über längere Zeiträume zu erreichen. Insbesondere große Verkehrsachsen mit ihren Nebenflächen (bspw. Bahnbegleitflächen) sind Ausbreitungskorridore für invasive Pflanzenarten und stete Wiederbesiedlungsquellen, ohne dass die Stadt München auf diese Flächen einen direkten Zugriff hat.
Um notwendige Maßnahmen nach Möglichkeit zu koordinieren, sieht die Biodiversitätsstrategie München eine Koordinierungsstelle zur Bekämpfung invasiver Arten vor, die im Referat für Klima- und Umweltschutz derzeit aufgebaut wird, um im Umgang mit invasiven Neophyten Maßnahmen abzustimmen und Informationsangebote gebündelt und auf München zugeschnitten zur Verfügung zu stellen.