Die städtische Fachstelle für Demokratie hat unter dem Titel „Zwischen Verstecken und Flagge zeigen. Junges jüdisches Leben in München und Antisemitismuserfahrungen vor und nach dem 7. Oktober“ im Rahmen eines Stadtratshearings eine aktuelle wissenschaftliche Studie im Rathaus vorgestellt. Die Studie der Frankfurt University of Applied Sciences stellt die Perspektiven von 18- bis 35-jährigen jüdischen Münchner*innen in den Mittelpunkt und beleuchtet ihre Erfahrungen mit Antisemitismus, ihre Reaktionen sowie ihre Wünsche an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft.
„Diese Studie liefert einen ebenso erhellenden wie erschütternden Einblick in die Erfahrungen junger jüdischer Münchner*innen und zeigt, wie alltagsprägend Antisemitismus auch hier in München ist“, erklärt Bürgermeister Dominik Krause. „Die Stadt München fühlt sich der Sichtbarkeit und Sicherheit jüdischen Lebens in besonderem Maße verpflichtet. Wir werden Antisemitismus – egal in welcher Form er auftritt – auch weiterhin geschlossen und entschieden entgegentreten. Die Perspektiven der davon unmittelbar betroffenen jüdischen Münchner*innen und die Ergebnisse der Studie sind dabei ein wichtiger Orientierungspunkt.“
Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag der städtischen Fachstelle für Demokratie von einem Forschungsteam unter der Leitung von Professorin Dr. Julia Bernstein. Grundlage sind 35 qualitative Interviews. Die Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und die darauffolgenden antisemitischen Reaktionen weltweit markieren für die meisten Befragten eine tiefe Zäsur: „Viele Interviewte berichten von einem tiefen Bruch, der ihr Vertrauen in die Gesellschaft erschüttert hat – das Sicherheitsgefühl ist verschwunden, die Sichtbarkeit der eigenen Identität wird zum Risiko. Die Reaktionen reichen von Rückzug und Angst bis zu Wut, Resilienz und einem gestärkten jüdischen Selbstverständnis. Zugleich äußern viele Studienteilnehmer*innen große Sorgen um ihre Kinder und eine zunehmend fragile Perspektive auf ihre Zukunft in Deutschland“, so Professorin Dr. Julia Bernstein. Die Studie analysiert auch die bestehenden Unterstützungsstrukturen sowie Lücken und zeigt, wo es konkreten Handlungsbedarf gibt – in Bildungseinrichtungen, Behörden, Sicherheitsorganen und der Zivilgesellschaft. Dabei werden auch Wünsche und Forderungen der Befragten sichtbar. „Was die Befragten sich wünschen, ist klar: mehr Empathie, ein fundierteres gesellschaftliches Verständnis für Antisemitismus in seinen vielfältigen Formen – besonders in Bezug auf Israel – sowie sichtbare und glaubwürdige Solidarität bei konkreten Vorfällen. Viele fordern, dass jüdische Perspektiven systematisch in politische, mediale und institutionelle Prozesse eingebunden werden“, so Bernstein weiter.
Dr. Miriam Heigl, Leiterin der Fachstelle für Demokratie, ergänzt: „Die Studie zeigt in aller Deutlichkeit, dass Antisemitismus den Alltag jüdischer Münchner*innen in fast allen Bereichen beeinträchtigt. Das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen und ihre Fähigkeit, jüdisches Leben zu schützen, ist erschüttert. Dieses Vertrauen wieder aufzubauen, ist jetzt eine dringende Aufgabe für uns alle.“
Die Studie enthält konkrete Empfehlungen an Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft, um die Lebenssituation junger jüdischer Münchner*innen zu verbessern und Antisemitismuserfahrungen aktiv entgegenzuwirken. Der Stadtrat hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder sehr deutlich zum Thema Antisemitismus positioniert – unter anderem im Rahmen eines kommunalen Aktionsplans gegen Antisemitismus (https://stadt.muenchen.de/dam/jcr:db6df130-f803-4d9c-8b79-d8f4eda89649/Aktionsplan%20Antisemitismus_final_gebunden.pdf) sowie im Herbst 2024 in Form eines fraktionsübergreifenden Stadtratsbeschlusses mit dem Titel „Antisemitismus bekämpfen – Demokratie stärken“ (https://risi.muenchen.de/risi/dokument/v/8653191).
Die Studienpräsentation im Rathaus wurde durch Grußworte von Bürgermeister Dominik Krause und Ehrenbürgerin Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, eröffnet. Nach der Vorstellung der Studienergebnisse durch die Autorinnen folgten ein Impulsbeitrag von Jessica Flaster, Vorsitzende des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern, und eine Diskussionsrunde mit Mitgliedern verschiedener Stadtratsausschüsse und geladenen Gästen. Die vollständige Studie steht ab sofort unter muenchen.de/demokratie zum Download bereit. Für Fragen ist die Fachstelle für Demokratie per E-Mail an fgr@muenchen.de oder telefonisch unter 233-92642 zu erreichen.