Psychische Belastung bei Jugendlichen in München
Antrag Stadtrats-Mitglieder Sabine Bär, Alexandra Gaßmann, Ulrike Grimm, Manuel Pretzl und Rudolf Schabl (Stadtratsfraktion der CSU mit FREIE WÄHLER) vom 3.9.2025
Antwort Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek:
Sie beantragen: „Das Gesundheitsreferat (GSR) der Landeshauptstadt München (LHM) berichtet dem Stadtrat, wie sich die Anzahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen und Belastungen seit der Corona-Pandemie in München entwickelt hat. Das GSR berichtet außerdem, wie die LHM dem Problem steigender psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen begegnet.“
Ihr Einverständnis vorausgesetzt erlaube ich mir, Ihren Antrag vom 3.9.2025 als Brief zu beantworten und teile Ihnen unter Berücksichtigung der Stellungnahmen der Koordinierungsstelle zur Gleichstellung von LGB-TIQ* (KGL) und des Sozialreferates Folgendes mit:
Die Corona-Pandemie hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehabt und stellt sie immer noch vor spürbare Herausforderungen. Viele Aspekte wie soziale Isolation, Lernschwierigkeiten und psychische Belastungen sind nach wie vor relevant. Zusätzlich beeinflussen auch die aktuelle globale Situation einschließlich geopolitischer Konflikte und Kriege, der Klimakrise und wirtschaftlicher Unsicherheit die Sorgen und Perspektiven junger Menschen. Diese Faktoren können zu einem Gefühl der Unsicherheit und Druck führen, welches sich auf ihre Lebensplanung, psychische Gesundheit und allgemeine Lebenszufriedenheit auswirken kann.
Entwicklung der psychischen Erkrankungen in München seit der Pandemie
Dem GSR liegen aufgrund eines Kooperationsprojekts mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) Daten zur Entwicklung von „Psychischen und Verhaltensstörungen“ (F-Diagnosen nach ICD 10) von 2015 bis 2022 in der ambulanten Versorgung von gesetzlich versicherten (GKV) Kindern und Jugendlichen (2 bis 17 Jahre) vor, die auch bereits in einem Gesundheitsbericht veröffentlicht worden sind (Psychische Gesundheit von Münchner Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie, 2024, muenchen.de/gesundheitsberichte).Die Prävalenz wird dabei auf Basis der Abrechnungsdaten nach dem sogenannten M2Q-Kriterium (‚gesicherte Diagnose‘) aufbereitet. Berücksichtigt werden dabei Patient*innen, die in mindestens zwei Quartalen eines Bezugsjahres eine gesicherte Diagnose (oder Diagnosegruppe) erhalten haben. Die Prävalenz für alle psychische Störungen insgesamt (F-Gesamt) bei den 15- bis 17-Jährigen lag 2022 bei 16,3 je 100 gesetzlich Versicherte von 15 bis17 Jahren (Jungen 14,8/Mädchen 17,8) in München. Im Zeitraum 2019 bis 2022, d.h. vor der Pandemie bis Ende der Pandemie, stieg die Prävalenz etwas an, von 15,1 auf 16,3 je 100. Die absolute Anzahl betroffener Jugendlicher von 15 bis 17 Jahren in diesem Zeitraum stieg – auch bedingt durch den Einwohner*innenzuwachs Münchens – von etwa 3.680 auf 4.330 an. Besonders häufig waren bei 15- bis 17-Jährigen im Jahr 2022 die Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend (F90-98), gefolgt von den Neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen (F40-48), den Entwicklungsstörungen (F80-89) und den Affektiven Störungen (F30-39).
Insgesamt lassen sich im Zeitraum der Pandemie (2019 bis 2022) in München ähnliche Entwicklungen wie in bundesweiten Analysen erkennen: Bei den 15- bis 17-Jährigen in München zeigte sich insbesondere eine Zunahme von depressiven Störungen (F32/33/34), wobei der Anstieg vor allem auf eine Zunahme bei jungen Frauen zurückzuführen ist. Hier lag die Prävalenz für beide Geschlechter im Jahr 2022 bei 3,6 je 100, in absoluten Zahlen entsprach dies etwa 970 Personen, davon etwa 720 junge Frauen. Die Prävalenz von Essstörungen (F50) stieg bei den 15- bis 17-Jährigen in den Jahren der Pandemie ebenfalls an, vor allem bei jungen Frauen (von 1,20 auf 1,50 je 100 im Jahr 2022). Im Jahr 2022 erhielten diese Diagnose etwa 230 junge Männer und Frauen in München. Auch bei den Neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen (F40-48) ließ sich eine Zunahme der Prävalenz von 2019 bis 2022 in dieser Altersgruppe erkennen, wobei auch hier ein höherer Anstieg bei jungen Frauen zu verzeichnen war. Im Jahr 2022 waren es etwa 1.750 Jugendliche (beide Geschlechter) zwischen 15 bis 17 Jahren bei einer Prävalenz von 6,6 je 100.
Im Gesundheitsatlas des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit liegen darüber hinaus noch keine neueren Daten für München zu psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen vor. Weitere Daten zur psychischen Belastung und gesundheitlichen Beeinträchtigung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden allerdings im Rahmen der offenen Online-Jugendbefragung 2024 des Stadtjugendamts erhoben (Ergebnisbericht 4. Münchner Jugendbefragung. München – Alle(s) im Flow!? https://jugendbefragung-muenchen.de). Von insgesamt ca. 150.000 inMünchen lebenden jungen Menschen von 16 bis 24 Jahren nahmen etwa 1.700 junge Münchner*innen an der Befragung teil. Rund zwei Drittel der jungen Menschen berichteten von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, am häufigsten von psychischen Problemen (ca. 30%). Junge Menschen, die besonders von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind, wie LGBTIQ*, gaben hierbei besonders häufig Gefühle von Unsicherheit oder Diskriminierungserfahrungen an.
Das GSR verfolgt die aktuelle Studienlage in Deutschland und bewertet diese kontinuierlich, sowohl im Austausch mit stadtinternen und -externen Kooperationspartner*innen als auch im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme der eigenen Angebote. Von besonderer Bedeutung sind die Ergebnisse der deutschlandweiten Längsschnittstudie zur gesundheitlichen Lebensqualität und psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen seit der Covid-Pandemie (COPSY-Studie). Die aktuelle Auswertung der Daten von 2020 bis 2024 für Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 22 Jahren zeigt, dass sich die (selbst berichtete) psychische Gesundheit nach einer Verschlechterung während der ersten Pandemiejahre in den Jahren 2022 und 2023 zunächst verbesserte. Der Stand vor der Pandemie wird jedoch noch nicht erreicht, seit 2023 gibt etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen weiterhin psychische Beeinträchtigungen an.
Maßnahmen der LHM im Kontext von psychischen Erkrankungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Das GSR begegnet dem Bedarf für Beratung und Unterstützung im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowohl durch eigene Angebote als auch durch Netzwerkarbeit und Kooperation mit anderen Akteur*innen in München. Wichtig ist, in sämtlichen Bereichen die spezifischen Herausforderungen sowie eine erhöhte Vulnerabilität von marginalisierten, teilweise hoch belasteten Gruppen junger Menschen zu bedenken, zu benennen und dadurch sichtbar zu machen. Daraus resultierende Erkenntnisse und Bedarfe sind bei der Versorgung und Entwicklung von Maßnahmen zur Verbesserung deren Lebenssituation zu berücksichtigen. Auch die Ergebnisse der oben genannten Analysen wurden und werden in fachlichen Gremien, u.a. im Zusammenhang mit der Versorgungslage, diskutiert. Dies erfolgt im Rahmen der regelmäßigen Netzwerkarbeit, u.a. in den Arbeitskreisen „Seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ und „Sucht“ des Gesundheitsbeirats, im Arbeitsausschuss kommunale Kinder- und Jugendhilfeplanung (AAKKHJP), im Arbeitskreis „Jugend und Sucht“ in Kooperation mit dem Stadtjugendamt sowie im Kontext der Fortschreibung der Fachleitlinie Gesundheit (Perspektive München).
Das Sozialreferat und das Gesundheitsreferat arbeiten seit vielen Jahren eng zusammen, vor allem in Bezug auf den Schutz und die Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der LHM. Die Zusammenarbeit in den verschiedenen Arbeitskreisen und Netzwerken ist von großer Bedeutung, um auf die Bedarfe hinsichtlich der psychischen Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen reagieren zu können.
Die Fachleitlinie Gesundheit wird aktuell fortgeschrieben. Die Entwicklung von Strategien, Zielen und Maßnahmen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit in München hat hierbei einen hohen Stellenwert. Eine weitere Betrachtung der Bedarfe und Erarbeitung von möglichen Maßnahmen fand vor allem in den interdisziplinären und stadtweit besetzten Arbeitsgruppen der Handlungsfelder „Psychische Gesundheit“ und „Kinder- und Jugendgesundheit“ statt.
Die psychische Gesundheit und das gesunde Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen stehen im Fokus der Arbeit des GSR. Aus diesem Grund stellt das GSR Angebote für psychisch- und suchterkrankte Personen, für deren An- und Zugehörige sowie Fachkräfte zur Verfügung. Im Sachgebiet „Seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ werden Präventionsangebote durchgeführt, wie z.B. telefonische und persönliche Beratungen zu seelischen Problemen bzw. Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, Fachkräfteschulungen oder subsidiäre, dem gesundheitlichen Versorgungssystem nachgeordnete Diagnostik für Kinder und Jugendliche, die in benachteiligenden Lebenslagen leben. Zudem besteht eine enge Kooperation mit dem Sachgebiet „Schulgesundheit“ im Themenfeld des schulvermeidenden Verhaltens (Schulabsentismus). Vertrauliche Beratung erhalten Ratsuchende darüber hinaus am Zentralen Schulpsychologischen Dienst (RBS-PIZKB). Diese steht sowohl Schüler*innen als auch Erziehungsberechtigten offen. Lehrkräfte, Schulpsycholog*innen und Schulleitungen der städtischen weiterführenden Schulen finden zudem Unterstützung in fachlichen Fragen einschließlich der Krisenintervention.
Das Sachgebiet „Koordination für Psychiatrie und Suchthilfe“ stellt Maßnahmen für Kinder und Jugendliche sowie deren Bezugspersonen bereit. Das „Münchner Programm zur Suchtprävention“ ist ein Kooperationsprojekt des GSR (Federführung), des Referats für Bildung und Sport sowie des Stadtjugendamts, welches ein kommunales Gesamtkonzept der Suchtprävention entwickelt hat und gemeinsam umsetzt. Die „Münchner Hilfenetzwerke für Kinder und ihre suchtkranken oder psychisch erkrankten Eltern“ bestehen aus einem Zusammenschluss von 75 Institutionen und Fachkräf-ten und wirken präventiv psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen entgegen. Zudem erhalten Jugendliche in den Jugendsuchtberatungsstellen der Träger Prop e.V. und Condrobs e.V. ein Beratungsangebot. Die Einrichtungen werden durch das GSR und ergänzend durch das Bayerische Staatministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention gefördert. Die Jugendsuchtberatung schließt eine Lücke in den bisherigen Angeboten der Suchthilfe, da für suchtmittelkonsumierende Minderjährige bislang kein anonymes und niedrigschwelliges Beratungsangebot bestand.
In Rahmen der Stadtteilgesundheit wird in Feldmoching-Hasenbergl, Milbertshofen-Am Hart und Moosach das Projekt „Hands up 4 you – Mach dich fit für dein Leben!“ umgesetzt. Zielgruppe sind ältere Kinder ab der 4. Klasse und Jugendliche bis 21 Jahre sowie deren Eltern und Fachkräfte aus dem Kinder- und Jugendbereich. Schwerpunkte der Module sind die Stärkung der persönlichen Ressourcen und Resilienz sowie die Sensibilisierung für ein gesundes Heranwachsen und den Umgang mit Medien. In Milbertshofen-Am Hart setzt „München – gesund vor Ort“ einen Schwerpunkt auf die Mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen mit dem Projekt „Starke Psyche starke Teens – die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärken“ (Arbeitstitel).
Um Kenntnisnahme der vorstehenden Ausführungen wird gebeten. Ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit damit abgeschlossen ist.