Unsere Stadt entkolonialisieren!
Antrag Stadtrat Thomas Lechner vom 19.2.2026
Antwort Kulturreferent Marek Wiechers:
Nach § 60 Abs. 9 GeschO dürfen sich Anträge ehrenamtlicher Stadtratsmitglieder nur auf Gegenstände beziehen, für deren Erledigung der Stadtrat zuständig ist.
Sie beantragen, dass der Oberbürgermeister die Verwaltung (v.a. die Abteilung Public History des Kulturreferats, aber auch die Fachstelle für Demokratie und das Sozialreferat, sowie das Referat für Bildung und Sport und das Pädagogische Institut) mit der Erarbeitung von konkreten Vorschlägen zu einer Schritt für Schritt-Umsetzung dieses Konzepts beauftragen möge. Sie bitten darum, insbesondere die Einrichtung einer Anlauf- oder Ombudsstelle, den Aufbau von Räumen für die afro-diasporische Community und die partizipative „Entkolonialisierung“ des öffentlichen Raumes durch Neubenennung von Straßennamen zu priorisieren.
Der Inhalt Ihres Antrages betrifft damit eine laufende Angelegenheit, deren Besorgung nach Art. 37 Abs. 1 GO und § 22 GeschO dem Oberbürgermeister obliegt. Eine beschlussmäßige Behandlung im Stadtrat ist daher rechtlich nicht möglich.
Zu Ihrem Antrag vom 19.2.2026 teile ich Ihnen Folgendes mit:
Für die Beantwortung Ihrer Anfrage zur Einrichtung einer Anlauf- und Ombudsstelle verweisen wir auf den Antrag des Migrationsbeirates Antrag Nr. 100-23-26 vom 1.12.2025. Dieser wird derzeit in der Federführung der Fachstelle für Demokratie bearbeitet.
Das Kulturreferat begreift Dekolonisierung als einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess, der darauf abzielt, die Auswirkungen sowie fortbestehende Einflüsse des Kolonialismus in der gegenwärtigen Gesellschaft zu reflektieren und abzubauen. Die Aufarbeitung von kolonialem Erbe im Stadtraum ist wesentlicher Bestandteil eines zeitgemäßen Erinnerns, das die vielfältigen und bislang marginalisierten Gewaltgeschichten miteinbezieht.
Seit 2016 beschäftigt sich die Stadt München intensiv und umfassend mit historisch belasteten Straßennamen. In einem eigens dafür eingerichteten Expert*innengremium, das aus Stadträt*innen und Wissenschaftler*innen städtischer Einrichtungen besteht, wurde der Kriterienkatalog um dasThema Kolonialismus explizit erweitert und Empfehlungen erarbeitet. Die Befassung des Stadtrats mit den Ergebnissen ist vom Kulturreferat in Vorbereitung und soll im Herbst 2026 erfolgen.
Bereits 2007 wurde in München die Von-Trotha-Straße in Hererostraße umbenannt. General Lothar von Trotha trug hauptverantwortlich zum Völkermord an Herero und Nama bei. Der neue Name ehrt das Volk der Herero. Eine Zusatztafel am Straßenschild informiert über die kolonialen Verbrechen, die in den früheren Kolonien begangen wurden.
Mit der Reihe „past statements. Denkmäler in der Diskussion“ knüpfte das Kulturreferat 2022 an die internationale und lokale Diskussion um diskussionswürdige Denkmäler an und regte kritische, vielstimmige und kreative Debatten über Formen und Inhalte des Erinnerns in einer diversen und demokratischen Stadtgesellschaft an. Das Projekt umfasste dezentrale Veranstaltungen an einzelnen umstrittenen Orten, künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum und das Forum „past statements – present futures“, eine internationale Veranstaltung in Kooperation mit dem Haus der Kunst und Freispiel Kulturagentur. Das Forum diente dazu, Stimmen Ausdruck zu verleihen, die bislang in den Debatten der Stadt zu wenig gehört wurden. Das umfasste auch die Spurensuche nach migrantischer und postmigrantischer Geschichte sowie die Auseinandersetzung mit postkolonialen Zusammenhängen im Stadtraum.
Im Rahmen der Internationalen UN-Dekaden für Menschen Afrikanischer Herkunft 2014 – 2035 hat das MAAT Medienkollektiv und das Archiv Afrodiaspora mit maßgeblicher Unterstützung des Kulturreferates sowie der Fachstelle für Demokratie im Februar 2025 ein Dekoloniales Forum realisiert, in dem eine kritische Debatte über Dekolonisierungsprozesse und koloniale Kontinuitäten angeregt wurde. In diesem Rahmen fand ein Workshop statt, der sich speziell mit der Entwicklung eines erinnerungskulturellen Konzepts für München befasst hat.
Unter dem Titel Sensing Sites und der Projektleitung von Modupe Laja und Sarah Bergh plant das Kulturreferat (PHM/PAM) 2026 ein Programm mit Veranstaltungen in München. Beteiligt sind sowohl Akteur*innen des Kollektivs „Decolonize München“ (2013/14) wie auch neue Akteur*innen der Schwarzen, PoC und migrantischen Community.
Mit dem Programm 2026 wird der postkoloniale Stadtraum einmal mehr ins Zentrum der Aufmerksam gerückt. Inhaltlich werden Menschen, Ereignisse und Örtlichkeiten – insbesondere der Alte Südliche Friedhof mit historischen Grabstätten von Opfern wie auch Tätern – einbezogen. Das Eröffnungswochenende findet vom 23.10. bis 25.10.2026 im Gasteig HP8statt. Das Programm umfasst u.a. eine temporäre künstlerische Intervention LIVING LAYERS des Künstlers Nando Nkrumah am Alten Südlichen Friedhof, die die Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen des Kolonialismus in München öffentlich an einem Ort erfahrbar macht.
Ich bitte Sie, von den vorstehenden Ausführungen Kenntnis zu nehmen und hoffe, dass Ihr Antrag zufriedenstellend beantwortet ist und als erledigt gelten darf.