In Bayern ist die Weiterbildung zur staatlich anerkannten Heilpädagog*in zukünftig in 1,5 Jahren möglich – ein halbes Jahr weniger als bisher. Diese Verkürzung gibt das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vor und wird sie zunächst als Schulversuch umsetzen lassen. Neu und bislang einzigartig in Bayern ist, dass die Weiterbildung in Vollzeit in München vorbehaltlich der Bewilligung durch den Freistaat sowohl als 5-Tage- als auch als 3,5-Tage-Variante angeboten wird. Im Unterschied zum üblichen 5-Tage-Modell können Studierende beim 3,5-Tage-Modell ihre Arbeit als Erziehungsfachkraft in den Einrichtungen parallel zur Weiterbildung fortsetzen.
Die Stadt hat dieses Modell gemeinsam mit der Städtischen Fachakademie für Heilpädagogik für ihre städtischen Bildungseinrichtungen entwickelt, es steht aber auch allen anderen Trägern offen.
Die Stadt möchte dadurch den Zugang zu qualifizierten Fachkräften erhalten, während die Studierenden von einer vertieften Praxiserfahrung und zusätzlichem Gehalt profitieren. Im Rahmen des 16-stündigen Anstellungsvertrag wird bei diesem Modell nämlich auch der üblicherweise unbezahlte halbe Praktikumstag pro Woche vergütet. Die Stadt will mit diesem Modell einen Beitrag leisten, um die Attraktivität der heilpädagogischen Ausbildung zu erhöhen und die qualifizierte Betreuung für Kinder mit besonderem Förderbedarf zu verbessern.
In seiner heutigen Sitzung empfahl der Kinder- und Jugendhilfeausschuss dem Stadtrat, die Teilnahme der Städtischen Fachakademie für Heilpädagogik am Schulversuch zu unterstützen.
Der Bedarf an Heilpädagog*innen und qualifizierten pädagogischen Fachkräften ist seit Jahren hoch – bundesweit wie auch in Bayern. Viele Einrichtungen stehen vor großen Herausforderungen, ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen und zu halten, zu wenig Erzieher*innen oder Heilerziehungspfleger*innen haben sich in der Vergangenheit für die bislang zweijährige Weiterqualifizierung in Vollzeit entschieden. Doch gerade in heilpädagogischen Förderbereichen schmerzt der Fachkräftemangel besonders, da die persönliche Entwicklung und Teilhabe von Kindern mit unterschiedlichen Entwicklungs- und Unterstützungsbedarfen wesentlich von einer individuellen Betreuung abhängen.
Praxisnah und familienfreundlich
Mit dem neuen, auf die Lebenswirklichkeit der Fachkräfte zugeschnittenen Format sollen zusätzliche Anreize für die berufliche Weiterqualifizierung zur staatlich anerkannten Heilpädagog*in / Bachelor Professional in Sozialwesen gesetzt werden. So verkürzt sich der Umfang der praxisnahen Weiterbildung von 2.440 Stunden auf 1.800 Stunden beziehungsweise von 2 auf 1,5 Jahre. Eine Neukonzeption des Lehrplans stellt sicher, dass die Weiterbildungsqualität nicht darunter leidet.
Je nach Lebenssituation können die Studierenden sich für eine von zwei Durchführungsvarianten entscheiden:
- Eine 5-Tage-Woche, in der der Unterricht kompakt an vier Tagen stattfindet. Der fünfte Tag ist für ein halbtägiges unbezahltes Praktikum vorgesehen. Der kürzere Nachmittagsunterricht erleichtert die Vereinbarkeit mit familiären Aufgaben und macht diese Bildungsform besonders zugänglich. Zudem ist die Weiterbildung förderfähig im Rahmen des Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetzes (AFBG).
- Eine 3,5-Tage-Woche, bei der die Teilnehmenden an 1,5 Tagen pro Woche in Teilzeit in ihrer Kindertageseinrichtung weiterarbeiten können. Der Unterricht erfolgt an drei Tagen in Vollzeit, ein halber Tag ist für das Praktikum in der Einrichtung vorgesehen, mit der ein Arbeitsvertrag besteht. Dadurch entsteht ein besonders enger Praxisbezug und die Teilnehmer*innen können ihr Wissen direkt anwenden. Diese Variante ist als „Münchner Modell Heilpädagogik“ von der Stadt für ihre städtischen Kindertageseinrichtungen entwickelt worden, kann aber auch von anderen Träger*innen übernommen werden. Die Stadt bietet ihren Mitarbeiter*innen in der Weiterbildung Arbeitsverträge über 16 Stunden pro Woche an, verbunden mit dem entsprechenden Gehalt von monatlich bis zu 1.600 Euro und tariflichen Urlaubsansprüchen
Der erste Jahrgang startet im September mit dem Weiterbildungsformat. Die Städtische Fachakademie für Heilpädagogik wird dafür eine Eingangsklasse bilden. Schulgeld wird nicht erhoben. Weitere Infos gibt es unter www.faksmitte.de/hp/weiterbildung/weiterbildungsorganisation.
Bürgermeisterin Verena Dietl: „Mit dem neuen Schulversuch stärken wir München als Bildungs- und Sozialstandort: Wir gewinnen schneller qualifizierte Fachkräfte, sichern die Qualität in unseren Einrichtungen und verbessern konkret die Förderchancen von Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf. Zusätzlich haben wir mit dem 3,5-Tage-Modell eine gute Verzahnung von Unterricht und Schule. So geht Bildungsgerechtigkeit.“
Stadtschulrat Florian Kraus: „Die verkürzte Weiterbildung senkt die Hemmschwelle für Erzieher*innen, sich zur Heilpädagog*in weiter zu qualifizieren – ein wichtiger Hebel gegen den Fachkräftemangel. Mit der innovativen 3,5-Tage-Variante und den Verdienstmöglichkeiten in den städtischen Einrichtungen hat unsere Städtische Fachakademie für Heilpädagogik die Attraktivität der Weiterbildung zusätzlich erhöht – ein großer Wurf für München.“
Schulleiterin Pauline Zikeli: „Wir verfügen über 46 Jahre Erfahrung in der Weiterbildung zur staatlich anerkannten Heilpädagog*in. Praxisnähe steht im Mittelpunkt – durch qualifizierte Praktika und erfahrene Lehrkräfte aus der heilpädagogischen Praxis. Die Verkürzung auf 1,5 Jahre ist eine strukturelle Anpassung. Unser Anspruch bleibt höchste fachliche Qualität mit fundierter Theorie und starkem Praxisbezug.“