Niedrigschwelliger Zugang zum ÖPNV – Kostenlose Leih-Tickets in Münchner Stadtbibliotheken nach dem Vorbild Turku
Antrag Stadtrats-Mitglieder Sonja Haider, Dirk Höpner, Nicola Holtmann und Tobias Ruff (Fraktion ÖDP/München-Liste) vom 3.6.2025
Antwort Mobilitätsreferent Georg Dunkel:
In Ihrem Antrag vom 3.6.2025 legen Sie folgenden Sachverhalt zu Grunde: „Das Mobilitätsreferat wird beauftragt zu prüfen, wie das Modell der Stadt Turku (Finnland), bei dem kostenlose ÖPNV-Tickets über öffentliche Bibliotheken ausgeliehen werden können, auf München übertragen werden kann. Dabei soll insbesondere Folgendes berücksichtigt werden:
1. Entwicklung eines Pilotprojekts in Kooperation mit MVG/MVV und der Münchner Stadtbibliothek zur Bereitstellung kostenfreier ÖPNV Leih-Tickets.
2. Identifikation geeigneter Stadtbibliothek-Standorte, insbesondere in Stadtteilen mit geringem ÖPNV-Nutzungsanteil oder hohem Armutsrisiko.
3. Klärung rechtlicher, technischer und finanzieller Voraussetzungen sowie Abstimmung mit MVG/MVV.
4. Evaluation nach einem Jahr hinsichtlich Nutzung, Wirkung auf die Verkehrsmittelwahl und sozialer Teilhabe.“
Ihr Einverständnis vorausgesetzt, beantworten wir Ihre Fragen mit folgendem Schreiben.
Grundsätzlich sind Ideen und ggf. daraus resultierende Maßnahmen, den ansässigen Bürger*innen im MVV-Tarifgebiet einen erleichterten und gegebenenfalls auch neuen Zugang zum ÖPNV geben, gerne gesehen.
Das Mobilitätsreferat hat daher in Abstimmung mit dem Münchner Verkehrsverbund und der Münchner Stadtbibliothek die Möglichkeit der Ausgabe von kostenlosen Leih-Tickets hinsichtlich der tarifrechtlichen Umsetzbarkeit und der technischen, finanziellen und personellen Voraussetzungen auf ihre Umsetzbarkeit geprüft.
Von der Entwicklung eines Pilotprojekts zur Bereitstellung kostenfreier ÖP-NV-Leih-Tickets in Münchner Stadtbibliotheken muss – auch zu unserem Bedauern – leider aus folgenden Gründen abgesehen werden:
Das Modell, wie es in der finnischen Stadt Turku durchgeführt wird, lässt sich nicht 1:1 auf München übertragen. Zunächst einmal ist es fraglich,ob die Bibliotheksausweise (Chipkarten) überhaupt technisch prüffähig gemacht werden können (elektronisches Prüfverfahren nach Verband Deutscher Verkehrsunternehmen-Kernapplikation Standard), so dass sie bei Fahrkartenkontrollen als gültiges Ticket erkannt werden. In jedem Fall wäre eine Umstellung aber mit hohem – auch finanziellem – Aufwand verbunden. Ebenfalls vertrieblich nicht zu empfehlen ist eine Abrechnung auf Basis von Tageskarten, da dies bei häufiger Inanspruchnahme eine tarifliche teure Variante ist. Zudem gibt es, was die soziale Teilhabe betrifft, bereits die seit langem bewährte Möglichkeit, für Inhaber*innen des München-Passes stark ermäßigte Tageskarten beim Sozialreferat zu erwerben. Eine kostenfreie Abgabe von Tageskarten in den Standorten der Stadtbibliothek wäre hier redundant und würde vermutlich sogar zu Verlagerungseffekten führen.
Denkbar wäre noch ein anderes Verfahren, das sich in der Praxis im MVV bewährt hat, und von einigen Gemeinden im Umland der Landeshauptstadt angewendet wird: Hier werden eine bzw. mehrere übertragbare Jahreskarten (bzw. Monatskarten im Abonnement mit Jahreszahlung) kostenlos an Bürger*innen für z.B. jeweils 1-3 Tage zur Ausleihe zur Verfügung gestellt. Die Kosten der Zeitkarten übernimmt dabei die Gemeinde. Aus tariflicher Sicht ist dies auch nicht zu beanstanden – sofern die Ausleihe kostenlos erfolgt (in dem Sinne, dass es keinen Weiterverkauf an Dritte darstellt). Die Zeitkarten können über einen unserer Vertriebsdienstleister (z.B. die MVG) erworben werden und die Ausgabebedingungen (nur Stadtteilbewohner*innen, Inhaber*innen eines Bibliotheksausweises, etc.) können frei festgelegt werden. Auch für diese sozialpolitische Maßnahme fällt die Verantwortung allerdings der Politik bzw. den zuständigen Stellen zu, ihren Bürger*innen diese Möglichkeit zu gewähren.
Die Münchner Stadtbibliothek sieht sich derzeit nicht in der Lage, einen solchen Service inklusive der zugehörigen Prozesse einzurichten, der von Menschen betrieben werden müsste und nicht – wie die übrige Leihe – per Selbstbedienung funktioniert. In der gegenwärtigen Finanz- und Personalsituation sieht es leider vielmehr aktuell so aus, dass beinahe täglich die Öffnungszeiten von Bibliotheken nicht garantiert werden können, da kein Personal zur Verfügung steht. Folglich kann nicht sichergestellt werden, dass das reservierte Ticket (oder wie immer man sich den Prozess denkt) auch wirklich abgeholt werden kann.
Der Aufwand für die Prozesserstellung und Verwaltung solcher Tickets ist leider nicht darstellbar. Von der Entwicklung eines Pilotprojekts zur Bereitstellung kostenfreier ÖPNV Leih-Tickets in Münchner Stadtbibliotheken muss daher zu unserem Bedauern abgesehen werden.
Wir bedanken uns trotzdem herzlich für Ihre Anfrage und Ihre eingebrachte Idee zu neuen Zugangsmöglichkeiten im ÖPNV.
Um Kenntnisnahme von den vorstehenden Ausführungen wird gebeten. Wir gehen davon aus, dass die Angelegenheit damit abgeschlossen ist.